Von Petra Kipphoff

Dürers Geburtstag begann am 21. morgens um 8 Uhr an Dürers Grab, und wenn das Geburtstagsprogramm, dessen letzte offizielle Veranstaltung am Abend um 20.30 Uhr angesetzt war, im Laufe des Tages dann doch hin und wieder ins Schleudern geriet, dann lag das gewiß nicht an diesem Anfang, denn um 8.01 Uhr schon eilte Oberbürgermeister Urschlechter wieder festtagsgelaunt und mit sportlich federndem Schritt auf den Ausgang des Johannisfriedhofes zu; um das Grab Nr. 649 scharten sich ein paar übrig gebliebene Polizisten, alte Weiblein aus der Umgebung bestaunten das in Rekordzeit deponierte Rosengesteck mittlerer Größe und schlugen das Kreuz.

QUICQUID ALBERTI DURERI MORTALE FUIT SUB HOC CONDITUR TUMULO, unter diesem Hügel befindet sich, was von Albrecht Dürer sterblich war, und wo wäre schon, bei Dezenniums-Feierlichkeiten dieser Art, so leicht auszumachen, wo denn das Sterbliche aufhört und wo das Unsterbliche beginnt. Den Lebenden jedenfalls gerät da immer wieder einiges durcheinander, mit und ohne Absicht. Denn wer, wie Nürnberg, Weltruhm erlangt hat durch Rostbratwürstchen und Reichsparteitag, Lebkuchen und Kriegsverbrecherprozesse, der kann einen größten Sohn, der weder mit dem einen noch mit den anderen zu schaffen hatte, dringend brauchen. Nur er könnte, in einem Anfall von postumer Genialität, das schaffen, was den Lebenden solch Kopfzerbrechen macht: die Erinnerung an den Reichsparteitag tilgen und gleichzeitig den Umsatz der Rostbratwürstchen steigern.

So ging man in Nürnberg also aufs Ganze, zimmerte, um den 500. herum, ein volles Jahresprogramm, eine Totalveranstaltung, auch schlicht "Fest der fünf Sinne" genannt, die den Dürer zum Zeitgenossen und den Zeitgenossen zum nachträglichen Mitbürger Dürers machen sollte.

Im Rahmen dieser Aktion wurde Dürer, Schutzheiliger und Public-Relations-Chef zugleich, zum ersten Hippie ernannt und, das Münchner Selbstbildnis im Jesus-Look schien da besonders geeignet, im Großraster auf das verglaste Portal des Nürnberger Hauptbahnhofs gebannt; Hippies und andere Zeitgenossen dürfen sich dafür im "neu präsentierten" Wohnhaus des AD am Tiergärtner Tor, das garantiert kein Stück Möbel mehr aus der Dürer-Zeit enthält, dafür aber eine blonde Locke unter Glas, wie zu Hause im Museum fühlen.

Im Rahmen dieser Absicht wurde dann einerseits hinter der Stadtmauer ein nürnbergisches Disney-Land aufgebaut, Butzenscheiben-Büdchen, in denen Met und Lebkuchen verkauft, Münzen geschmiedet, kurz, im Stil von Anno dunnemals herumgewerkelt wird; als Komplementär-Veranstaltung dann dazu die "Noricama" betitelte "Symphonie einer Stadt in Bild, Ton und Bewegung", ein Zwölf-Minuten-Film von Josef Swoboda und Ladislav Rychman, Potpourri aus einst und jetzt. Aber auch fünf sich vor- und rückwärts bewegende Leinwände und ein paar zusätzliche, aus Decke, Boden und Seitenwänden wechselweise herausklappende Projektionsflächen machen, zusammen mit munteren Weisen und magischer Beleuchtung, aus einem aus Hitler, Kirchen, Dürer, Industrie und Kinderstrahlaugen ’71 flott zusammengeschnittenen Buntstreifen noch keine zeitgemäße Reflexion zum Thema Nürnberg.

Wie sehr man sich beim Sprung über die Jahrhunderte den Haxen verstauchen kann, zeigte schließlich am deutlichsten die Aufführung der "Meistersinger". Der Versuch, mit Nürnberg im Herzen die Welt zu umarmen, kulminierte darin, daß ein milde als Rocker verkleideter Walther von Stolzing ein in echtem Meistermädchen-Gewand sich zierendes Evchen mit der die Zeiten überdauernden Frage "Mein Fräulein sagt, seid Ihr schon Braut?" konfrontierte; daß ein Sänger vom Range Thomas Stewarts seine Bemühungen um Wagner zu kombinieren versuchen mußte mit denen eines Orchesters, das den Zuhörer musikalische Sommerfreuden auf der Kurpromenade von Westerland lebhaft vorempfinden ließ; daß, kurz gesagt, die Vorstellung, wenn man nur genügend Nürnberg in Nürnberg spielt, der Sache Nürnbergs in jedem Fall gedient sei, ein Trugschluß ist.