Von Dietrich Strothmann

Lange stand er im Schatten des anderen, der größer war als er. Nun wirft er seinen eigenen Schatten: In knapp 24 Stunden strafte Nassers Nachfolger im Präsidentenamt, Anwar El-Sadat, all jene Lügen, die ihn für nichts anderes gehalten hatten als einen Übergangs-Regenten, einen Präsidenten auf Probe. Mit seinem Handstreich gegen die Verschwörer im Kabinett und in der Staatspartei ASU, in Armee und Rundfunk wies er alle Spötter und Kleingläubigen in die Schranken. Sadat entpuppte sich als ein Machiavellist reinsten Wassers.

Als hätte er nur auf die Gunst der Stunde gewartet, um Freund und Feind zu zeigen, was in ihm steckt an Energie und Bauernschläue, an Geschick und Gerissenheit, kam er den Putschisten zuvor, die ihn stürzen wollten. Als ihre Vertrauensmänner im Studio von Radio Kairo das Patriotenlied "Die Stunde der Revolution", die Erkennungsmelodie für den Staatsstreich, abspielten, hatte Sadat bereits zugeschlagen. Indem er sechs Minister und drei ASU-Spitzenfunktionäre an die Luft setzte, hat er seine eigene Revolution gemacht. Die Sphinx, von der es hieß, sie lächle nur, zeigte plötzlich ihre Krallen. Und mancherorts hieß es schon: Sadat sei so etwas wie ein ägyptischer Truman.

Auch dem damaligen amerikanischen Vizepräsidenten, der unerwartet den Posten des verstorbenen Roosevelt übernehmen mußte, traute anfangs niemand zu, daß er eines Tages ein geachteter Präsident sein werde. Als Sadat Nassers Erbe übernahm – ein Erbe, das er aus eigenen Stücken nie antreten mochte und das zu tragen ihm freiwillig kaum jemand antragen wollte –, war er nichts als eine Galionsfigur, eine Zielscheibe offener und versteckter Witzeleien.

Verächtlich wurde von seiner dunklen Hautfarbe gesprochen, einem Erbteil seiner sudanesischen Mutter, auch davon, daß er aus einem ärmlichen, abgelegenen Dorf im Nildelta stammt, daß es immer sein Trachten gewesen sei, zu überleben, daß er zu Nassers Zeiten nie mehr gewesen sei als sein "Taschenträger" – kurzum: ein Leichtgewicht, ein Mitläufer, ohne Statur, ohne Charisma.

Höhnisch wurde darauf hingewiesen, welche blamable Rolle er bei Nassers Revolution gespielt hatte: Als die Putsch-Offiziere 1952 in Kairo die Macht übernahmen, war Sadat unauffindbar. Erst nach langer Suche wurde er aufgespürt – in einem Kino. Verächtlich wurde auch daran erinnert, daß der junge Sadat als Nassers Gefährte im Kreis der revolutionären "Freien Offiziere" gute Kontakte zu dem rechtsextremen Geheimbund der Moslem-Brüder unterhalten hatte.

Im Zweiten Weltkrieg hatte Sadat für den Feldmarschall Rommel spioniert. Als ihn die Engländer dafür ins Gefängnis warfen, lernte er Englisch und Deutsch – mit Hilfe der Lektüre des Edgar-Wallace-Romans "Geheime Nächte" –, las französische und persische Bücher. In der Illegalität trug er auf dem Kairoer Hauptbahnhof Koffer und lebte bei einem Straßenmädchen.