Von François Loyer

François Loyer lehrt Architektur-Geschichte an der Universität in Rennes und hält kunsthistorische Vorlesungen an der Sorbonne in Paris.

Die Behörden sind hilflos oder borniert, die Bürger des „Hallen“-Viertels und der Stadt, ziemlich heftig engagiert, sind empört oder verzweifelt, die beteiligten Architekten und Städtplaner einigermaßen ratlos; die Denkmalschützer nicht zuletzt schlagen die Hände über den Köpfen zusammen über den Verlust eines der bedeutendsten baugeschichtlichen Dokumente des Stahlbau-Zeitalters, kurzum: Die „Operation Hallen“ in Paris macht nicht nur niemanden glücklich, das Unternehmen überhaupt ist schierer Wahnsinn. Was ist geschehen, was geschieht?

Die französische Hauptstadt, wie durch ein Wunder vom Krieg verschont geblieben, hat nach 1944 eine erstaunliche Ausdehnung erlebt: Zwischen 1946 und 1968 wuchs die Bevölkerung von Groß-Paris um die Hälfte, nämlich von 6,6 auf 9,3 Millionen Einwohner. Mehr als eine Million Wohngebäude wurden errichtet, die meisten in Vororten.

Seit dem Wirken des Barons Haussmann, der bis zum Jahre 1869 Präfekt von Paris war, hat die Stadt beinahe ein Jahrhundert lang auf den vom second Empire festgesetzten Strukturen beruht. Selbst beim Bau der Untergrundbahn ging man nicht über die alten Stadtmauern hinaus, obwohl Paris sich schon vor 1870 über diese Grenzen hinweg ausgedehnt hatte. Die Bevölkerung, 1801 nur eine halbe Million Einwohner, war 1850 bei einer Million angelangt, 1870 bei zwei und 1914 bei drei Millionen. (Das war die Grenze, die sich Haussmann bei seiner Zukunftsuntersuchung gesetzt hatte.)

Zwischen den beiden letzten Kriegen hat sich die Bevölkerung dann noch einmal verdoppelt – auf sechs Millionen –, ohne daß ein Versuch gemacht wurde, dieser Ausdehnung städtebaulich Rechnung zu tragen. So befindet sich Paris heute in einer noch schlimmeren Situation als vor einem Jahrhundert: Die Behörde muß gleichzeitig dem Bedarf an Wohnungen, der Notwendigkeit öffentlicher Einrichtungen und den Forderungen der lang verweigerten Erneuerung der Stadt begegnen.

Vor mehr als einem Jahrhundert hatte die „Umgestaltung von Paris“ 1847 mit der Zerstörung des späteren Geländes der Hallen begonnen: Das älteste Viertel von Paris mit seinen baufälligen Häusern war das illegale Wohnquartier eines armen und zahlreichen Proletariats geworden. So beschloß Haussmann, dieses Viertel von der Karte zu radieren. Dann erst machte er sich daran, die Hauptstadt nach dem Maßstab eines Groß-Paris neu zu gestalten.