Stellen Sie sich vor, Sie wären, ein Embryo. Schließen Sie die Augen, bewegen Sie Ihren Körper ruckartig wie ein Ungeborenes, und machen Sie passende Geräusche dazu!“ lautet die Anweisung. Und weiter: „Nachdem Sie diese Aufforderung laut vorgelesen haben, bleibt Ihnen eine Minute Zeit zum Nachdenken. Dann müssen Sie die Instruktion in Wort und Tat ausführen. Danach werden Ihre Mitspieler entscheiden, ob Sie Ihre Rolle gut gespielt oder ob Sie versagt haben!“ Hat der Spieler seine Embryo-Darstellung erfolgreich absolviert, darf er auf einer Skala, die von „aufgehängt“ bis „frei“ reicht, ein Feld vorrücken.

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Ein andermal heißt es: „Preisen Sie sich selbst als Liebhaber an! Was würden Sie sagen?“ Diese Anweisungen finden sich in dem amerikanischen Psycho-Spiel „Group Therapy“, das zu einer Gruppe von Spielen für Erwachsene gehört, die gegenwärtig den amerikanischen Spielwarenmarkt überschwemmen: In immer neuen Varianten erscheinen jene Methoden – wie etwa die Gruppen-Therapie, das Sensitivity-Training oder die Körpersprache –, mit denen Psychotherapeuten ihre Schützlinge von Verklemmungen und Ängsten befreien wollen, als käufliche Unterhaltungsmittel in den Spielwarengeschäften und Versandhäusern Amerikas. Was Seelenärzte kürzlich noch als letzten Schrei der Therapie angepriesen haben, wird nun zum großen Hit der Unterhaltungsindustrie. Die wissenschaftliche Erkenntnis wird zur wohlfeilen Feierabendbeschäftigung für Erwachsene.

Doch es ist mehr als ein Spiel, mehr als bloße Zerstreuung, was beispielsweise die Spielfabrik „Headbox“ im amerikanischen Iowa ihren Kunden offeriert. Es ist „eine völlig neue Spielkonzeption. Es gibt keine Gewinner und Verlierer, keine Mannschaften und Punkte, es gibt auch kein Roulett oder Würfel und auch keinen Spieltisch“, verheißt der Verlagsprospekt. Denn: „Es sind Spiele voller Einsichten, Überlegungen, Verständnis und Entdeckungen von wirklichen Dingen und Gefühlen.“ Im Spiel wird die Wirklichkeit ernsthaft nachempfunden, Realität wird simuliert.

So etwa in dem „Sensitivity-Spiel“. Jeder Spieler – so lautet hier die Devise – befindet sich in großen persönlichen Schwierigkeiten: zum Beispiel in einer unglücklichen Ehe, in übertriebener Selbstliebe oder in hohen Schulden. Jeder Spieler muß nun den Mitspielern seine Schwierigkeiten erläutern und mit ihnen seine Probleme diskutieren. Er muß seine Situation möglichst lebensecht nachempfinden und ziemlich authentisch in seine Rolle schlüpfen. Am Ende des Spiels, an dem fünf bis acht Erwachsene teilnehmen können, bewerten die Mitspieler, wie überzeugend jeder seine Rolle gespielt hat. Es gibt keine Gewinner und auch keine Verlierer – es gibt nur Überlebende. Aber es gibt möglicherweise einen Gewinn – nämlich Einsicht in das eigene Rollenverhalten und in die eigene Empfindsamkeit.

Anders als das Sensitivity-Training, das durch Hautkontakte und gelegentliche Nacktübungen spektakulär wurde, betont das Sensitivity-Spiel die sprachliche Kommunikation. Ganz im Gegensatz dazu lebt ein anderes Spiel, Body Talk (Körpersprache), von der nicht-verbalen Verständigung. Dieses Spiel geht folgerichtig von der Psychologenerkenntnis aus, daß 93 Prozent der zwischenmenschlichen Kommunikation nicht-verbaler Natur ist (Gesichtsausdruck, Intonation, Körperhaltung). Dieses ungeheure Übergewicht nicht-sprachlicher Äußerungen, das im zwischenmenschlichen Alltag kaum wahrgenommen wird, soll im Body-Talk-Spiel bewußt gemacht werden,

„Hier können Sie sich voll Ihrem Gefühl hingeben, es in jedem Muskel spüren und Ihren Körper für Sie sprechen lassen“, kündigen die Spielregeln an. Zu den Requisiten des Body Talk gehört ein Kartenspiel. Jede Karte enthält zwei Symbole: eins drückt eine Emotion aus (Haß, Bewunderung, Schüchternheit oder dergleichen), das andere bezeichnet einen Körperteil (Hand, Kopf und andere). Jeder Spieler erhält eine Anzahl der Karten, der Rest wird in der Mitte deponiert. Ein Spieler zieht nun eine Karte und versucht mit dem bezeichneten Körperteil das symbolisierte Gefühl auszudrücken. Die Mitspieler können sodann von ihren Karten jene beiseite legen, die das dargestellte Gefühl enthalten. Dann sind sie an der Reihe und nehmen eine Karte aus der Tischmitte, so lange, bis schließlich alle Mitspieler keine Karten mehr haben. Dieses Spiel kommt den herkömmlichen Kartenspielen noch am nächsten.