Die rötliche Gesichtsfarbe des Volkspolizei-Unterleutnants H. kommt nicht nur von den Aufregungen, die seine Tätigkeit als Abschnittsbevollmächtigter eines unübersichtlichen Siedlungsgebietes am Rande der Hauptstadt mit sich bringt. Der gutmütige, behäbigrundliche „Orts-Sheriff“ ist im Gegensatz zu seinem scharfen, adlernasigen Vorgänger, der seine Karriere auf der Polizeischule für mittlere Offiziere pflastert, wirklich beliebt. Er liebt die Ruhe, hat auch öfter Zeit für ein Schwätzchen mit den Bürgern, kurz: Er besitzt menschliche Züge. Allerdings hat er sich im letzten Vierteljahr dem Gram und dem Alkohol mehr zugewandt, als für seine Kämpfermission im Wohngebiet gut ist.

Es kam nervöse Unsicherheit in seinen Abschnitt und damit auch in sein bis dahin so wohlgeordnet scheinendes Leben. Die Bande, die zum Greuel des Landkreises Potsdam und der benachbarten Gemeinden geworden war, stand vor Gericht. Und vor dem Bezirksgericht in der Friedrich-Ebert-Straße mußte auch der „ABV“, der vor Aufregung schwitzende Unterleutnant H., seine Aussagen machen. „Brutalität, Feigheit, Staatsfeindschaft und Arbeitsbummelantentum als Folge des ständigen Westfernsehens“, so lautete die Anklage, die der Staatsanwalt mit Stentorstimme in den Saal rief. Die Vorwürfe waren hart. Die Bande hatte Einbrüche verübt, Menschen auf offener Straße überfallen, roh mißhandelt und ausgeplündert. Passanten, deren Gesichter den Jugendlichen nicht gefielen, hatte man provoz.erend angesprochen, danach folgten Schlägerszenen im Stil von David Ross aus der auch hierorts bekannten Serie „Der Einzelgänger“ Überfälle mit Boxhieben und Schlägen mit Zaunlatten.

In Mittenwalde, wo Paul Gerhard vor dreihundert Jahren sein besinnliches Lied „Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt’ und Felder“ dichtete, hatte die Truppe eine junge Frau zu vergewaltigen versucht, einem zu Hilfe eilenden Passanten waren die Zähne eingeschlagen worden. In den Gemeinden südlich Berlins, in Zernsdorf, Niederlehme, Golm und Glienicke war es in den Dorfgaststätten zu regelrechten Saalschlachten gekommen.

„Von Arbeit halte ich nichts“, hatte Bernhard L. gesagt, der sich Bill nennen ließ und das Grundstück seiner Eltern in Babelsberg als „Rote Ranch“ bezeichnete. Ihm hatten es die weißen, cremefarbenen und weinroten Mercedes-Wagen der Ostberliner Starschauspieler angetan, die er täglich zum Filmatelier fahren sah. „So wollte ich auch einmal leben, nicht immer nur Aufbaupropaganda im FDJ-Schuljahr des Betriebes hören!“ Das Gericht verhängte hohe Gefängnisstrafen und erteilte Arbeitsauflagen für mehrere Jahre.

In den Jugendklubhäusern der Landkreise Potsdam, Teltow und Königswusterhausen, in den Dorfklubs und vor den Ausschüssen der Nationalen Front wertete die Volkspolizei diesen Prozeß aus. „Genossen und Kollegen, unser Staat und die Partei haben der Jugend alle Chancen gegeben, wir müssen mehr über sie wachen, daß sie unter den Einflüssen des Gegners über Fernsehen und Rundfunk nicht ganz verdirbt ...“, ächzte Unterleutnant H.

Es kam zum Eklat, als ein bekannter Kulturfunktionär sich leidenschaftlich gegen die westdeutschen „Fortschrittsfeinde vom Schlage der Höfer, Hübner, Merseburger, Scharlau und Gütt“ wandte. „Woher kennst du denn die Namen dieser Leute so genau?“ fragte lauernd eine ältliche Genossin mit verkniffenen Lippen. Kaum verlegen antwortete Harry K., Angestellter beim Rat des Bezirks in Potsdam: „Als leitender Funktionär muß ich mich mit dem Klassenfeind original auseinandersetzen!“ Arno Hahnert