Von Eka v. Merveldt

Eine Mauer der Gleichgültigkeit errichten die Leute in New York um sich; sie verschließen Augen und Ohren. Und zugleich wächst die Hysterie. Man spottet über allerlei Vorsicht, läßt sie aber walten. Selbst Marion, eine junge, unerschrockene Deutsche, die seit ein paar Jahren in Manhattan lebt und von dem anregenden Leben der Metropole hingerissen ist, gibt zu bedenken, daß man besser nicht mehr als fünf bis zehn Dollar in bar bei sich trage. Wenn sie, um etwas einzukaufen, eine größere Geldsumme mitnimmt, steckt sie die Geldscheine in die Schuhe.

Sie rät, nicht an den Häuserwänden entlangzugehen, sondern am Rand des Bürgersteiges, damit einen Autofahrer und Taxichauffeure sehen können. Raubüberfälle sind auch am hellichten Tag üblich; mehr und mehr Gegenden werden unsicher. Von Spaziergängen bei Einbruch der Dunkelheit wird abgeraten. Männer werden gewarnt, mit den oft sehr hübschen kaffeebraunen, schwarzen oder hellhäutigen Mädchen, besonders rund um die großen Hotels, anzubändeln. Viele sind Lockvögel. Nicht immer meldet sich ein Taxifahrer, der etwas beobachtet hat. Die New Yorker sehen alles und blicken immer weg.

Zu den haarsträubenden Geschichten, die in New York jeder jedem erzählt, gehört jene von einem der letzten Hausärzte, der zwar noch Besuche macht, an der unsicheren Upper West Side, aber seine Instrumente und Medikamente nicht mehr im Koffer bei sich trägt, sondern in den Manteltaschen. Auf Arztkoffer haben es die Rauschgiftsüchtigen abgesehen.

Einigermaßen grotesk fand ich den Rat, daß man bei einem Überfall in lautes Gelächter ausbrechen solle, wenn man den Mumm dazu hat. Das soll den Räuber verdutzen. Es kam mir vor wie die Weisung, die ich bei meiner ersten Reise in die Tropen erhielt: den angreifenden Tiger im Dschungel fest ins Auge zu fassen, das halte er nicht aus.

Von meinem Apartment in Midtown Manhattan kann ich viel zu Fuß erreichen. Auch zur Fifth Avenue sind es nur ein paar Schritte. Hier imponieren die steinernen und gläsernen Türme, die in ihrer seltsamen und schmerzlichen Schönheit New York zur triumphalen Sehenswürdigkeit des 20. Jahrhunderts machen. Hier liegen die großen Buchhandlungen Doubleday und Rizzoli, die den Geist der Welt horten. Von hier aus ist es nicht weit zu den Galerien und Museen. Im Metropolitan hat gerade die erste bedeutende kubistische Ausstellung begonnen; zwei Jahre lang wurden für sie Bilder aus ganz Europa zusammengetragen. In der Prunkstraße eines Reichtums, der in den Auslagen der Schaufenster mit unerschöpflicher Phantasie und luxuriösem Aufwand dargeboten wird, in dieser Avenue, in der die Fluggesellschaften der ganzen Welt nisten und Konzerne aller Kontinente repräsentieren, defiliert permanent bis zur Dunkelheit ein wahrhaft kosmopolitisches Völkergemisch, eine einzigartige Zusammenballung verschiedener Nationen und Kulturen. Die Menschen sind hier die Sehenswürdigkeit.

Wie sie sich herausputzen, das übertrifft alles, was Modemacher ersinnen. Häßlichkeit ist chic. Der Trend zum Kitsch ist in die Mode eingedrungen. Die breiteste Variation phantastischer Typen aus der ganzen Welt – auf der Fifth Avenue quirlt sie durcheinander, phantastischer als die Figuren bei Fellini oder Buñuel.