Werner Bertold, Gerhard Lozek u. a. (Hrsg.): „Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung“; Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1970; 570 Seiten, 28,– DM.

Aus welcher Ecke diese Kritik kommt, wird erst klar, wenn man im Buche den Titel der Original-Ausgabe und den Erscheinungsort erfährt: „Unbewältigte Vergangenheit. Handbuch zur Auseinandersetzung mit der westdeutschen bürgerlichen Geschichtsschreibung“, Ostberlin. Der Bonner Staat und seine imperialistische Nato-Historiographie – wie es im entsprechenden Jargon heißt – sind Hauptziele der Attacken. Gut 30 Historiker aus der DDR erarbeiteten hierzu fünf umfangreiche Kapitel.

Zunächst wird auf die politischen, geschichtsphilosophischen und gesellschaftstheoretischen Unterschiede zwischen marxistisch-leninistischer und bürgerlicher Geschichtsschreibung (Historismus) verwiesen. Doch diskutable Ansätze finden sich kaum. Wer nützlichere Lektüre zu einigen dieser Fragen sucht, dem seien Max Horkheimers frühe Studie „Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie“ (Frankfurt 1930) und Helmut Fleischers Veröffentlichung „Marxismus und Geschichte“ (Frankfurt 1969) empfohlen. In den Kapiteln II und III folgen Kritik und Korrekturen zur deutschen und allgemeinen Geschichte und zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Viele Passagen sind allerdings unwissenschaftlich geraten (ein Adjektiv, das der bürgerlichen Historiographie ständig angehängt wird). So liest man etwa im Abschnitt „Das mittelalterliche Kaisertum“: „... anläßlich der 1000. Wiederkehr des Tages der Kaiserkrönung Ottos I. stand in der westdeutschen Presse der 2. Februar 1962 eindeutig im Zeichen von ,Abendland‘ und Nato...“ Belegt wird diese Behauptung durch ein Zitat aus der Ostberliner „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ – genannt werden einzig die „Bonner Rundschau“ und die „Deutsche Soldatenzeitung“.

Abschließend beschreiben verschiedene Autoren wichtige Organisationen, Institutionen, Publikationsorgane und progressive Tendenzen der westdeutschen Geschichtsschreibung. Erwähnt werden dabei so unterschiedliche Kräfte wie die KPD, DKP, SDAJ oder die IG Metall, an Professoren Fritz Fischer und Wolfgang Abendroth. Freilich, selbst Abendroth ist jenen Historikern nicht DDR-fromm genug – er hat nämlich gegen die Besetzung der Tschechoslowakei protestiert.

Ein „beeindruckendes Arbeitsergebnis“, ein „Standardwerk“ – so tönt’s im Vorwort – ist dieses Handbuch also bestimmt nicht, eher eine rosarote Dogmatik. Werner Hornung