Von Martin Gregor-Dellin

Für die Schriftsteller ist in dieser Gesellschaft mit einer rein ständischen Interessenvertretung nichts zu erreichen. Die Einzelgänger brauchen einen Verband, der sie mit Nachdruck vertritt. Das Wort gewerkschaftlich kommt unvermeidlich ins Spiel und ruft leicht Abwehrreaktionen hervor, die, wenn sie nur elitäre Vorbehalte sind gegenüber Massen, Arbeitskampf und dem historischen Bild des lohnabhängigen Kleinbürgers, nicht mehr ziehen. Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) muß sich auf dem Weg zu einer unaufhaltsamen Konfrontation mit dem Medienverbund gleichgerichtete Partner suchen, sich verstärken durch Zusammenarbeit und Zusammenschluß mit Verbänden verwandter Berufe, woraus eines Tages so etwas wie eine unabhängige Gewerkschaft Kultur hervorgehen könnte. Was aber würde der mechanische Anschluß an eine der bestehenden Gewerkschaften bedeuten oder verändern, wie ihn das jetzt vorgelegte „Denkmodell“ des VS vorschlägt?

Die Gewerkschaften haben in mehr als hundert Jahren die Rechte der Arbeitnehmer wahrgenommen und so die sozialen Kontrahenten in eine Balance gebracht, sie haben mitgeholfen, die Industriegesellschaft zu stabilisieren – in der Folge dieses Prozesses wurden die ungeschützten Urheber an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wenn Heinrich Mann, ein nun wirklich unverdächtiger Zeuge, sah, daß die „Gewerkschaften sich von gleich zu gleich“ mit den Unternehmerverbänden in die Macht teilten („auf unserem Rücken. Erhöhte Löhne, steigender Profit, alles stimmt, ... Elend und Sterben der geistig Schaffenden gehört ins Bild und wird hingenommen“), so sind daran heute vielleicht einige Abstriche zu machen. Aber selbst wenn wir einmal die Tariffähigkeit von Urhebern unterstellen – die Tariffähigkeit unserer Arbeit bleibt für die bestehenden Gewerkschaften ein vorläufig unlösbares Problem. Sicherlich lassen sich innerhalb bestimmter Verträge – wie mit der ARD, dem ZDF, dem Börsenverein, den Zeitungsverlegern – tariffähige Partnerschaften erarbeiten. Dennoch sind die im Betriebsverfassungsgesetz verankerten Rechte des Arbeitnehmers für den Schriftsteller in den gegebenen Partnerschaftsverhältnissen – und keiner arbeitet nur für einen einzigen Arbeitgeber – nicht zu verwirklichen. Es gibt ein Recht auf Arbeit, aber nicht ein Recht auf Schreiben – das heißt: das Betriebsverfassungsgesetz, selbst die paritätische Mitbestimmung reichen zur Verbesserung der sozialen und gesellschaftlichen Lage der Schriftsteller nicht aus.

Was nun gar als Solidarisierung ausgerufen wird, die Macht der Masse, die eine Gewerkschaft vertritt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als eine Solidarisierung des Gefühls. Solche Gefühle helfen uns nicht weiter. Es geht um Tatsachen. Hier sind sie.

1 Mit dem Anschluß an die Gewerkschaften gibt der VS nicht nur seine Selbstverwaltung, sondern auch einen Teil seiner Selbstbestimmung und seines Vertretungsrechts gegenüber der Öffentlichkeit auf.

Nach dem „Denkmodell“ werden die Schriftsteller in den Gremien der Gewerkschaft nicht durch Schriftsteller, sondern durch einen Gewerkschaftsdelegierten vertreten. Schriftsteller können sich als Delegierte aufstellen lassen – aber wer wird sie wählen? Setzer und Drucker wählen bewährte Funktionäre. Bei der Einsetzung eines hauptamtlichen Geschäftsführers für den Verband hat der VS lediglich ein Mitspracherecht. Das heißt, der VS kann vom Apparat her beliebig dirigiert werden. Die Betreuung der Mitglieder erfolgt durch die Gewerkschaftsgeschäftsstellen. Damit geht der bisherige unmittelbare Kontakt zwischen Vorständen und Mitgliedern verloren. Am Erlöschen unserer organisatorischen Selbständigkeit, die in vielen Fällen schnelles Reagieren ermöglicht hat, ist überhaupt nicht zu zweifeln.

2 Der Anschluß an die IG Druck und Papier verurteilt den VS zur Unbeweglichkeit. Initiativen, Beschlüsse, Aktivitäten bedürfen der Zustimmung der Gewerkschaftsgremien. Man muß sich einmal die gewerkschaftlichen Resolutionen der letzten zwanzig Jahre ansehen, um zu wissen, was dem VS bevorsteht, wenn alle seine „Stellungnahmen von übergeordneter Bedeutung“ mit dem Hauptvorstand abgestimmt werden sollen. Das „Denkmodell“ enthält den Satz: „Vorläufig ist die Stellung des Fachgruppenvorstands VS zum Hauptvorstand die einer beratenden Funktion.“ Sie wird es bleiben – gegenüber einer fünfzigfachen Mehrheit von Mitgliedern.