Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Mai

Es war vorauszusehen, daß Erich Honecker nach seiner Ernennung zum Nachfolger Ulbrichts als Parteisekretär das Funktionärskarussell in Gang setzen würde. Aber trotz etlicher Umbesetzungen in den Parteiorganisationen der Bezirke, trotz einiger Neuerungen im Ministerrat und im Politbüro ist das große Revirement, von dem hier und dort geredet wurde, ausgeblieben. Offensichtlich will Honecker nicht als der flinke Säuberer in die Geschichte der SED eingehen. Im Gegenteil, die Parteizeitungen stellen heraus, daß die Umbildungen der Parteispitze der "konsequenten Verwirklichung der leninschen Prinzipien der Einheit, der Kontinuität und der Kollektivität der Führung der Partei" gedienthätten.

Die personellen Verschiebungen sollen den Parteiapparat konsolidieren und für den Fall voisorgen, daß sich Walter Ulbricht ganz aus der Politik zurückzieht. Zunächst wurden alle Ersten Sekretäre aus den Bezirksleitungen der SED, die zugleich im Politbüro sind, von ihren Bezirksaufgaben entbunden, damit sie neue Aufgaben in Partei- und Staatsführung übernehmen können. Der 55jährige Horst Sindermann aus Halle wurde neben dem 61jährigen Alfred Neumann Erster Stellvertreter von Willy Stoph, dem Vorsitzenden des Ministerrats. Der 60jährige Paul Verner aus der Berliner Bezirksleitung soll sich ebenso wie der gleichaltrige Erich Mückenberger aus Frankfurt an der Oder im Kollektiv der Parteiführung an neuen Aufgaben bewähren.

Vermutlich fällt ein Teil der bisherigen Aufgaben Honeckers, der im Sekretariat für Sicherheit, Organisation und Kaderfragen zuständig war, nun an Paul Verner. Das Sekretariat für Sicherheit wird Honecker, der auch mit sowjetischen Militärs eng liiert ist, möglicherweise behalten. Verner, der wie Honecker aus der kommunistischen Jugendbewegung kommt und nach dem Krieg zusammen mit ihm die FDJ aufgebaut hat, ist ein treuer Anhänger des alten wie des neuen Parteichefs.

Mückenbergers Werdegang ist nicht ganz gradlinig. Er ist neben dem 76jährigen Politbüromitglied Friedrich Ebert einer der ganz wenigen alten Spitzenfunktionäre, die aus der SPD stammen. Vor elf Jahren wurde er als ZK-Sekretär für Landwirtschaft wegen mangelnder fachlicher Qualifikation abgelöst und zur Schulung nach Moskau und dann als Provinzsekretär nach Frankfurt geschickt. Ihm wird man jetzt kaum ein wichtiges Amt anvertrauen. Nicht einmal den Vorsitz der zentralen Partei-Kontrollkommission, der durch den Tod des Politbüromitgliedes Hermann Matern im Januar vakant geworden ist, wird er bekommen.

Sindermann dagegen, dem in seinem Bezirk Halle das ehrfurchtsvolle "Sindermann macht’s möglich" nachgesagt wurde, ist zu Höherem bestimmt. Er stammt aus Dresden, verbrachte die Jahre von 1933 bis 1945 fast ausschließlich in Zuchthäusern und Konzentrationslagern und war danach lange Zeit Chefredakteur in Chemnitz und Halle. Schon 1949 galt Sindermann, noch vor Honecker, als der junge Mann Ulbrichts; er leitete damals im Politbüro das Büro des sogenannten kleinen Sekretariats, das als der engste Führungskern der SED galt und nach dem 17. Juni 1953 aufgelöst wurde. Sindermann verschwand aus dieser Führungsgruppe, weil er dem damaligen Ministerpräsidenten Grotewohl die Heirat mit einer ehemaligen Nazi-Funktionärin vorgeworfen hatte. Erst 1963, als der kranke Grotewohl praktisch einflußlos geworden war, wurde Sindermann Vollmitglied des Zentralkomitees und Kandidat der Politbüros, dem er seit 1967 angehört.