Von Hansjakob Stehle

Sant Alfio, im Mai

Langsam, unaufhaltsam wälzt sich eine glühende Lawine bergab. Die wandernde Lavafront ist über tausend Meter breit und fast zwanzig Meter hoch. Sie begräbt überall an den Hängen des Ätna Obstplantagen und Weingärten, Wege und Straßen, Hütten armer Bauern und Wochenendvillen wohlhabender Familien. Seit sieben Wochen schleudert dieser einzige ständig tätige Vulkan der Erde aus zwei Feuerschlünden zähflüssiges Magma, an seiner Nordostseite jede Sekunde einige hundert Kubikmeter. Diese gasdurchtränkte, glühende Gesteinsschmelze hat sich in halber Höhe zwei "Ventile" verschafft, weil der Hauptkrater seit dem letzten Ausbruch von 1964 durch Lavamassen wie durch einen riesigen Korken verstopft, ist. Fasziniert blicken Tag für Tag. Hunderte von Menschen nach mühsamem Aufstieg in das Inferno: "Phantastisch! Wunderbar!" hört man es in allen Sprachen. Doch was die Schaulust der Touristen erregt, ist der Jammer der Armen: Ein stummer Schmerz blickt aus den Gesichtern der schwarz verhüllten Frauen, der vielen alten Männer, die hilflos mit ansehen müssen, wie die Feuerwalze das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit in Sekunden verschlingt.

Wird die Lava schließlich auch ihre Ortschaften Fornazzo und Sant Alfio erreichen? Der Ätna ist unberechenbar; selbst die Vulkanologen, die zum erstenmal dabei sind, mit wissenschaftlichen Instrumenten das Fieber des Vulkans zu messen, wagen keine Prognosen. Willkürlich sucht sich die Lava ihren Weg, Als ich am Wochenende einige hundert Meter über Sant Alfio den am weitesten vorgedrungenen Lavaarm erreichte, hatte dieser gerade eine Straßenbrücke verschüttet – und stand nun plötzlich still. Einige Stunden später war er fast erkaltet.

"Die Heiligen haben es geschafft!" flüsterte eine Greisin. Der Pfarrer hatte, gedrängt von den Gläubigen, in feierlicher Prozession die Statuen und Reliquien der drei lokalen Schutzpatrone der Lava entgegengetragen. Doch zur gleichen Stunde, als die Lava vor Sant Alfio angehalten hatte, begann an anderer Stelle ein neuer Schub, der nun wieder Fornazzo bedrohte, an dem der glühende Strom einige Tage zuvor nur hundertfünfzig Meter entfernt vorbeigegangen war. Vor meinen Augen begrub er jetzt ein armseliges Bauernhaus, dessen Bewohner vor der Flucht noch einen Farbdruck mit den drei Heiligen an die Mauer geheftet hatten. Ehe sie einstürzte, eilte ein Karabinierisoldat herbei und brachte das Bild pietätvoll in Sicherheit.

Selbst Don Parisi, der Pfarrer von Sant Alfio, scheint solchen Beschwörungen nicht viel Kraft beizumessen. "Wir können nichts tun als beten", predigte er am Sonntag. Aber auch das scheint hier nur Sache von ein paar Dutzend Frauen zu sein, die sich in der großen Kirche fast verlieren.

Wo waren die Männer von Sant Alfio? Einige standen im Café gegenüber der Kirche, die meisten saßen in den beiden dürftig möblierten Parteilokalen der Christdemokraten und der Sozialisten auf der Piazza. Plakate – die einen mit dem Kreuz, die anderen mit Hammer und Sichel – erinnerten an die bevorstehenden Kommunalwahlen am 13. Juni. Debattieren also die Männer von Sant Alfio? Wenn nicht über Politik, vielleicht über Maßnahmen zur Evakuierung des Städtchens? Nein, in beiden Parteilokalen spielten sie Karten – und auch das mit Gesten von Resignation, an der die Fragen des Fremden abprallen.