In keinem Land der Welt durchläuft ein so hoher Prozentsatz Jugendlicher eine geordnete und so breit angelegte Berufsausbildung wie in der Bundesrepublik", lobte Bernhard Vogel, Kultusminister von Rheinland-Pfalz. Gewerkschaften und Jugendvertreter sehen es anders. "Vielen Lehrlingen geht es nicht gut. Sie lernen nichts und werden ausgebeutet." So kennzeichnete Dieter Osswald, Essener Vertreter der DGB-Jugend, auf der IG-Metall-Jugendkonferenz in Essen die Lage. Und Metaller und Jungsozialist Gert Lütgen auf der gleichen Konferenz: "Das Bildungssystem reicht nicht aus, die Chancengleichheit zu verwirklichen."

Zwar sind Stichworte wie Bildungsmisere und Bildungskatastrophe in den letzten Jahren zu aktuellen Schlagworten geworden. Zwar haben protestierende Studenten und demonstrierende Schüler nachhaltig auf die Reformbedürftigkeit von Schul- und Hochschulsystem in der Bundesrepublik aufmerksam gemacht. Doch im Windschatten der Auseinandersetzungen um allgemeinbildende Schulen und Hochschulen blieb ein Bildungsbereich nahezu unbeachtet, der – im umgekehrten Verhältnis zur öffentlichen Aufmerksamkeit – die meisten Auszubildenden auf sich vereint: die Berufsausbildung für rund 1,5 Millionen Lehrlinge.

Doch die Protest- und Demonstrationswelle schwappte auch auf die Lehrlinge über. Die "vergessene Majorität" (so der Bildungssoziologe Dietrich Winterhager) ging – vor allem in den Großstädten – auf die Straße und machte auf ihre Lage aufmerksam. Längst geht es den jungen Arbeitnehmern nicht mehr um Brötchenholen und Werkstattfegen. Ihre Forderungen: bessere betriebliche Ausbildung, bessere Berufsschulen, bessere Informationen. Und in der Tat: Die Berufswelt der Lehrlinge ist nicht in Ordnung:

  • Über 50 Prozent aller Ausbildungsberufe stammen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und sind seither nicht überarbeitet worden.
  • In 211 von 499 anerkannten Lehrberufen werden nur noch rund 2900 Lehrlinge ausgebildet.
  • 1970 wurden 51 000 Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz festgestellt, die Dunkelziffer ist nicht bekannt.
  • Mehr als 50 Prozent der Berufsschulklassen in der Bundesrepublik erhalten weniger als acht Stunden Unterricht.
  • Es fehlen gegenwärtig rund 15 000 Berufsschullehrer – 39 Prozent der Stellen sind nicht besetzt.
  • In vielen vor allem kleineren Unternehmen werden die Lehrlinge als billige Arbeitskräfte verstanden: Im Kfz.-Handwerk ist – so der Pressedienst der DAG-Jugend – jeder dritte Beschäftigte ein Lehrling, in der Radio- und Fernsehtechnik sogar jeder zweite.

Wer nach Abschluß der Hauptschule in die Lehre geht, ist gegenüber Gleichaltrigen, die die höheren Schulen besuchen, benachteiligt: Schon mit 14 oder 15 Jahren muß er sich für einen Beruf entscheiden, dessen Zukunft er nicht kennt. Während Staat und Unternehmen für Schulen und Hochschulen beträchtliche Mittel bereitstellen, wird für rund 60 Prozent der Jugendlichen nur wenig getan: Betrieblicher Lehrplatz und Berufsschulen werden weitgehend vernachlässige

Die Misere beginnt bei der Berufswahl. Die Bundesanstalt für Arbeit gibt zwar den künftigen Lehrlingen das Taschenbuch "beruf aktuell" in: die Hand und ermuntert: "Wer die Berufswahl ernst nimmt, kann in ‚beruf aktuell 71‘ seinen Beruf finden. Er muß sich nur lange und oft genug damit beschäftigen." Doch gleichzeitig muß der Herausgeber bekennen: "Alle Berufe, auch die wenig bekannten, sind aktuell – heute. Wie es allerdings morgen aussehen wird, kann keiner genau voraussagen."

Mehr wissen auch die Berufsberater an den Arbeitsämtern nicht. Eine systematische Berufsbildungsforschung gibt es in der Bundesrepublik bislang kaum. Mit dem Berufsbildungsgesetz von 1969 wurde nun erstmals die Grundlage für eine intensive Berufsbildungsforschung in einem zentralen Bundesinstitut geschaffen. Doch Ergebnisse können in so kurzer Zeit von dem in Berlin errichteten Institut noch nicht erwartet werden: In der Berufswahl tappen die Lehrlinge weiter im dunkeln.