Da nicht sein kann, was nicht sein darf, ist es eben verboten: Der Streik in den sozialistischen Staaten. Nur ein Land tanzt auch in dieser Beziehung aus der Reihe: Jugoslawien. In Titos Reich wurde zürn erstenmal in einem kommunistisch regierten Land das Streikrecht der Arbeitnehmer bestätigt.

Verankert ist dieses Recht in der Satzung der Selbstverwaltung. Deshalb ist es eigentlich auch ein Widerspruch in sich. Denn in Jugoslawien gehören die Fabriken den Arbeitern und werden von ihnen selbst verwaltet. Die Arbeiterstreiken also gegen sich selbst, wenn sie in den Ausstand treten. Dieser Widerspruch hat aber Arbeitskämpfe nicht verhindern können, solange Streiks offiziell nicht erlaubt waren. Sie waren eines der Zeichen dafür, daß zwischen Utopie und "Wirklichkeit des jugoslawischen Modells eine breite Lücke klaffte.

Die Krise der Arbeiterselbistverwartung, die mit einer Krise der jugoslawischen Wirtschaft einhergeht, wird heute im Vielvölkerstaat Titos offen diskutiert. Sie war auch das große Thema des II. Kongresses der Arbeiterseilbstverwaltung in Sarajevo "Vielleicht", so rief Kroatiens Repräsentant in der höchsten Parteispitze, Vladimir Bakaric den 2258 Delegierten zu, "werden unsere Beschlüsse die schicksalhaftesten für die Entwicklung der jugoslawischen Gesellschaft sein " Das waren etwas zu pathetische Worte; denn von diesem Kongreß werden kaum kurzfristige und greifbare Lösungen für die sich zuspitzende jugoslawische Wirtschaftskrise ausgehen. Doch die Schicksalsbeschwörung galt nicht nur der Krise in der Wirtschaft, sondern auch dem gefährlichen Nationalitätenstr eit.

Die gegenwärtige Krise der sechs jugoslawischen Teilrepubliken mit ihren vielen Minderheiten hat — so das Ergebnis einer Geheimkonferenz der Parteiführung auf Titos AdriaInsel Brioni — eine ihrer Hauptursachen in der ungenügenden Entwicklung der Arbeiterselbstverwaltung. Sie ist in der Tat für Teile der Wirtschaft und Gesellschaft zu einem Motor geworden; nicht aber zu einem Steuer. Die Partei, die das Lenkrad führen wollte, hat es nie ganz richtig in den Griff bekommen.

Als die Jugoslawen nach ihrem Ausschluß aus dem kommunistischen Block durch die Kommformresolution von 1948 eine ideologische Alternative zum Sowjetmodell suchten, als sie vor allem die Unterstützung der eigenen Bevölkerung im Kampf gegen Stalin brauchten, entsannen sie sich 1950 der Losung der Pariser Kommune und des russischen Bürgerkrieges: Die Fabriken den Arbeitern "

1950 begannen die jugoslawischen Kommunisten mit der wirtschaftlichen Dezentralisierung, die sie vom sowjetischen Zentralplansystem wegführen sollte. Die Selbstverwaltung, die Mitentscheidung der Arbeiter in den Unternehmen, sollte nach dem Willen der Partei zu einem von ihr abhängigen Lenk- und Kontrollinxtmment der Wirtschaft werden. Aber die Partei hatte nicht bedacht, welche Eigendynamik die DezentraliSlerung in (diesem Vielvölkerstaat entwickeln mußte.

Bis heute, bis zur jüngsten Führungskrise war iund ist die Partei auf der Suche nach einer Doppelrolle, die ihr gleichzeitig die Leit- und Kontrollfuniktion, aber auch die Einfügung in eine immer stärker von Marktmechanismen bestimmte Gesellschaft bietet. Denn: "Direkte. Demoikratie auf der Grundlage der Selbstverwaltung", so Professor Pasic in der Parteizeitschrift Socistellungen und ist im Kern gelegentlich unvereinbar mit dem System der Parteiherrschaft Dieser unterschwellige Konflikt zwischen der Partei und ihrem liebsten Kind, der Arbeiterselbstver:waltung, begleitet die gesamte Entwicklung der fetzten Jahre.