Von Marianne Bernhard

Dürer-Feiern landauf, landab, das Jubeljahr bringt Ausstellungen, Analysen, Gedächtnisfeiern – aber immer noch ruhen zwei seiner bekanntesten Gemälde seit vier Jahren im Safe einer amerikanischen Bank: Hans und Felicitas Tucher. Nach dem Kriege wurde das Porträt-Diptychon aus dem Jahr 1499 (heutiger Schätzwert rund vier Millionen Mark) in Thüringen gestohlen. Es war Eigentum des Weimarer Museums. Man nimmt an, daß es von Besatzungssoldaten nach Amerika gebracht wurde. Ahnungslos über die Identität, kaufte es der New Yorker Rechtsanwalt und Kunstsammler Edward Elicofon für 500 Dollar und hängte es im Flur seines Hauses an die Wand. 1966 hat man die Bilder an Hand einer Dokumentation über im Krieg verlorene Kunstwerke zufällig entdeckt. Soweit der Tatbestand.

Was dann folgte, waren emotional aufgeladene Haarspaltereien und juristische Spitzfindigkeiten. Elicofon mußte, verständlicherweise widerstrebend, die Bilder herausrücken. Sie gehörten nicht ihm, sondern dem Weimarer Museum, daran bestand kein Zweifel. Aber dann vernahm man vom State Department, das eigens ein Ressort für die Rückführung gestohlener Kunstwerke unterhält, eine Auslieferung der Tucher-Bilder sei nicht möglich, denn man unterhalte keine diplomatischen Beziehungen zur DDR. 1969 erhob die Bundesrepublik beim Bezirksgericht in Brooklyn Klage auf Rückgabe mit der Begründung, sie sei Nachfolgerin des Deutschen Reiches. Und endlich meldete auch noch die Großherzogin von Sachsen-Weimar, längst in der Bundesrepublik ansässig, Ansprüche an – nicht auf die Bilder, aber auf Geld.

Seitdem ist es still geworden um dieses Thema. Hans und Felicitas Tucher blieben im Safe, die Freude, daß sie überhaupt wieder aufgetaucht sind, kann niemand recht genießen. Und nun? Von Rückgabe, an wen auch immer, ist keine Rede mehr. Offenbar hat man sich auf Verzögerungstaktik verlegt: Dreißig Jahre nach dem Diebstahl, also 1975, verjährt der Fall laut Gesetz. Vier Jahre nur braucht man die Bilder noch totzuschweigen, und das Ganze erledigt sich von allein.

Zu Dürers Geburtstag sei daran erinnert, daß Willy Brandt noch kürzlich sagte, die Deutschen könnten nicht immer nur die „nice boys“ spielen. Oder gilt das nur für Fälle, wo bare Münze im Spiel ist?