Fast alle Referate, die in der gleichnamigen, heftig umstrittenen Sektion des Kölner Kunsthistorikertages (April 1970) vorgetragen wurden, vereint der Band –

„Das Kunstwerk zwischen Wissenschaft und Weltanschauung“, herausgegeben von Martin Warnke; Bertelsmann Kunstverlag, Gütersloh; 200 S. mit Abb., kart. 16,80 DM.

Es fehlt allerdings das wichtigste, „Kunstgeschichte als Geschichte“, von Leopold Ettlinger, in dem die Absicht des ganzen Unternehmens (das Objektivitätspostulat als einen unhaltbaren Anspruch zu dekuvrieren) durch einen geistesgeschichtlichen tour d’horizon untermauert wird. Ettlingers Referat – zum Abdruck in einem der esoterischen kunstgeschichtlichen Jahrbücher bestimmt – wird dem Zugriff nicht fachinteressierter Leser weitgehend entzogen sein, ein Schicksal, das die Überlegungen der übrigen Referenten hoffentlich nicht teilen werden.

Bei diesen Versuchen jüngerer Kunsthistoriker, nicht das Kunstwerk, sondern die Sprache seiner Interpreten zu untersuchen – Vertreter der alten Garde bezeichneten das Verfahren in Köln als Clinch mit gezielten Tiefschlägen, wenn nicht gar als ausgemachte Cochonnerie –, geht es darum, Deutungsbemühungen beim Wort zu nehmen: den wissenschaftlichen („objektiven“) Überbau auf seinen Gehalt an ideologisch bestimmten Wertvorstellungen abzutasten.

Aufgezeigt wird, wie „wertfreie“ Wissenschaft mit ihren Objekten umspringt, sie durch betulich verschleierte Prüderie domestiziert (Wilfried Ranke: „Berninis ‚Heilige Teresa‘“) oder zum Fetisch nationalistischen Denkens macht (Berthold Hinz: „Der ‚Bamberger Reiter‘“). Untersucht werden irrationale Kriterien der Interpretation (Martin Demus: „Ideologiekritische Anmerkungen zur abstrakten Kunst und ihrer Interpretation – Beispiel Kandinsky“), die Spielarten einer den Kunstwerken aufgezwungenen Sprachregelung (Martin Warnke: „Weltanschauliche Motive in der kunstgeschichtlichen Populärliteratur“).

Wenn dann schließlich auch noch das „priesterliche“ Sendungsbewußtsein des Kunsthistorikers attackiert wird, der das Ritual einer Interpretationsliturgie zelebriert (Lutz Heusinger: „Kritische Aspekte zum Kult des Kunstwerks“), ist die teilweise wütende Reaktion der aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Ordinarien verständlich: Der Generationenkonflikt wird hier mit rationalen, nicht emotionalen Argumenten ausgetragen. Mit – übrigens ebenfalls „typisch“ deutscher – Rigorosität werden ungeprüfte Traditionen der Interpretation als höchst ideologieanfällig angeprangert: Der Vorstoß kommt zwar reichlich spät, aber er war dringend nötig und wird nicht ohne Nutzen sein. Man wird abwarten müssen, welche Konsequenzen die Autoren bei ihren zukünftigen wissenschaftlichen Projekten daraus ziehen werden. Ein erster Ansatz zu kunsthistorischer Interpretation, die sich um umfassende Erklärung des Kunstwerks aus der Einsicht in die ihm zugrunde liegenden Motivationen bemüht, ist als Modell mit abgedruckt: „Krupp und Essen“ von Roland Günter. Helmut Schneider