Die deutschen Schriftsteller, jedenfalls jene etwa dreitausend, die im Verband deutscher Schriftsteller (VS) organisiert sind, stehen vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Ihr Vorstand hat ihnen, nach mehreren Kontaktgesprächen mit Gewerkschaftsfunktionären, das „Denkmodell“ für einen Anschluß des VS an die IG Druck und Papier vorgelegt. Der nächste Schriftstellerkongreß im November 1972 hat darüber zu entscheiden; findet das Anschlußmodell dort eine Dreiviertelmehrheit, so hört der VS als selbständiger Verein zu bestehen auf und wird zu einer Fachgruppe der IG Druck und Papier.

Am Anfang der gewerkschaftlichen Konzipierung des VS standen ein realistischer und ein eher romantischer Impuls. Der realistische Impuls ist etwa der: Das Selbstverständnis des Schriftstellers als eines unabhängigen kleinen Imperators ist längst obsolet; der freie Schriftsteller ist vielleicht frei, aber er ist auch schwach, abhängig von der sich zu immer größeren Gruppierungen formierenden Medien-Industrie; eine ständische Vertretung reicht ihr gegenüber nicht mehr aus, die vielen schwachen Einzelnen können wirkungsvoll nur in Form eines gewerkschaftsmäßigen Interessenverbandes auftreten; und dies um so wirkungsvoller, je großer diese Gewerkschaft ist.

Die romantische Komponente: der Anschluß an eine echte Arbeitergewerkschaft würde beweisen, daß Schriftsteller echte Arbeiter sind, der Proletarier-Look erhielte innere Bestätigung durch das Gewerkschaftsmitgliedsbuch in der Tasche.

Was aber hat die IG Druck und Papier den Autoren konkret zu bieten? Der VS verlöre seine Selbständigkeit, auch Resolutionen allgemein politischen Charakters dürfte er ohne vorherige Abstimmung mit dem Gewerkschaftsvorstand nicht mehr verabschieden; geleitet würde der VS von einem Gewerkschaftsfunktionär; in den Hauptvorstand der Gewerkschaft könnte ein Schriftsteller nur in dem wenig wahrscheinlichen Fall kommen, daß es ihm gelänge, von einer größeren Zahl von Arbeitern gewählt zu werden. Dafür bietet die IG Druck und Papier: die Versicherung, sie würde sich dafür einsetzen, daß die „Urheber Wort, Bild und Ton“ nicht mehr als Unternehmer, sondern als „arbeitnehmerähnliche Urheber“ gelten, folglich auch tarifartige Rahmenverträge abschließen können und von der Mehrwertsteuer befreit werden. Wieviel diese Versicherungen genau wert sind – das wird zu prüfen sein.

Denn nur, wenn diese unmittelbaren Ziele der Autoren nicht anders zu erreichen sind, schiene mir zu den gegebenen Konditionen eine Auflösung des VS in der Gewerkschaft gerechtfertigt. Und mehr gar sollte sich niemand versprechen: daß es einem VS, der sich als „Fachgruppe Urheber Wort“ zu dem Stummelschwänzchen einer hundertfünfzigtausend Mitglieder starken IG macht, gelingen würde, den großen Hund zu wedeln, ist nicht zu erwarten. Arbeitsbedingungen und Tätigkeitsmerkmale unterscheiden sich bei Buchverfassern und Buchdruckern eben doch so erheblich, daß eine gemeinsame Formation möglicherweise nur zu Krampf führt. Man stelle sich nur vor, die Arbeiter sollten für die Schriftsteller streiken oder diese für jene (verweigern sie nun die Ablieferung oder alle Einfälle?).

Aber eine Organisierung ist unerläßlich und ein Bündnis mit allen verwandten Berufen zu einer „IG Kultur“ zur Zeit noch nicht zu realisieren. Also? Also wird in den nächsten anderthalb Jahren viel diskutiert werden müssen; wir machen einen Anfang mit dem Abdruck der (negativen) Stellungnahme unseres Mitarbeiters Martin Gregor-Dellin, der stellvertretender Vorsitzender des VS-Bayern ist.

Dieter E. Zimmer