SALT und MBFR – zwei Wege zur Abrüstung?

Von Theo Sommer

Die Zukunft hat noch nicht begonnen. Wer sich nicht in den Geruch großspuriger Etikettenkleberei bringen will, sollte mit Reklamesprüchen wie "Anbruch einer neuen Ära" oder "Überwindung des toten Punktes" sparsam umgehen. Doch dies läßt sich immerhin sagen: Es sind uns in den letzten Tagen zwei Wechsel auf eine bessere Zukunft ausgestellt worden – einer in Sachen SALT, der andere in puncto Truppenverminderung zu beiden Seiten der Paktgrenzen in Europa.

Ein Durchbruch bei den sowjetisch-amerikanischen Verhandlungen über eine Begrenzung der strategischen Rüstung wäre am bedeutsamsten. Gerade deswegen stößt er auch auf die größten Schwierigkeiten. Es geht dabei um nichts Geringeres als um das Fortbestehen jenes Gleichgewichts der nuklearen Abschreckung, das seit einem Menschenalter den Frieden zwischen Ost und West bewahrt.

Die Abschreckung kann nur funktionieren, solange Amerikaner wie Russen davon ausgehen müssen, daß jeder, der den anderen angreift, mit einem verheerenden Vergeltungsschlag überzogen wird. Die Abschreckung würde jedoch wirkungslos, wenn einer der beiden sich auszurechnen vermöchte, daß er ohne Strafe des eigenen nationalen Untergangs einen erfolgreichen Nuklearkrieg führen kann.

Eine überlegene Zahl von Angriffsraketen mit Mehrfachsprengköpfen (MIRVs) oder eine undurchdringbare Raketenabwehr (ABM) könnten beide gleichermaßen zu der Spekulation verführen, ein Atomkrieg könne künftig gewonnen werden; dank der MIRV – also dem überlegenem Offensivpotential – weil es die Vergeltungsraketen vor dem Abschuß am Boden zerstört, Ende der siebziger Jahre vielleicht sogar in den Tiefen der Meere; dank ABM – also einer funktionierenden Abwehr – weil sie die Vergeltungsraketen vor dem Einschlag außer Gefecht setzt. In beiden Fällen entfiele der einzige Zwang zur Friedfertigkeit: die Verwundbarkeit der eigenen Bevölkerung. Wer zuerst schießt, stirbt dann nicht mehr als zweiter; er überlebt.

Diese entnervende Aussicht hat die beiden Supermächte Ende 1969 an den SALT-Tisch genötigt. Seitdem verhandeln sie, abwechselnd in Helsinki und Wien, über eine Begrenzung der nuklearstrategischen Rüstung. Seit einigen Monaten waren die Verhandlungen festgefahren, weil die Sowjets nur über ein ABM-Abkommen reden wollten, die Amerikaner jedoch nur über Offensivraketen und Defensivraketen zusammen. Jetzt haben Amerikaner und Sowjets gemeinsam die Absicht bekundet, dieses Jahr über ein ABM-Abkommen zu verhandeln, zugleich jedoch über "gewisse Maßnahmen hinsichtlich einer Begrenzung der strategischen Offensivwaffen". Das heißt zunächst nicht mehr, als daß die SALT-Verhandlungen weitergehen können. Es besagt noch nichts über das substantielle Ergebnis,, das dabei herausspringen kann.