Hamburg

In Hamburg arbeiten seit einem Jahr je 25 Zoll- und Kriminalbeamte in einer „Gemeinsamen Fahndungsgruppe Rauschgift“. Mit dieser Arbeitsgemeinschaft, so hofften die zuständigen Behörden bei der Gründung, würden sich die bei der Rauschgiftsuche regelmäßig aufgetretenen Spannungen zwischen Zoll und Kripo mildern und in gemeinsame, fruchtbare Arbeit ummünzen lassen. Die Hoffnung trog. In der Freien und Hansestadt laufen sich Kripo- und Zollbeamte in aller Öffentlichkeit gegenseitig den Rang ab, die besten, schnellsten und hellsten Hasch-Schnüffler zu sein. Zur Zeit steht das Spiel 2:1 für die Kripo.

Den ersten Treffer landete vor vier Wochen der Zoll: An einem Sonntagmorgen beschlagnahmten auf dem Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel fünf Zollbeamte aus der gemeinsamen Fahndungsgruppe zweihundert Kilogramm Haschisch von der guten und teuren Sorte „Schwarzer Afghan“ – unter Brüdern mit einem Marktwert von gut einer halben Million Mark taxiert. Allerdings hatte die gelungene Beschlagnahmeaktion einen

Schönheitsfehler: Die Zollbeamten verschwiegen ihren Mitfahndern von der Kripo das Eintreffen der heißen Ware. Erst als das Haschisch sicher im Zollbüro lagerte, wurde die Kripo informiert. Daraufhin diktierte ein verärgerter Kriminalbeamter einem Journalisten folgenden Satz in sein Notizbuch: „Die Händler sind jetzt gewarnt und werden sich neue Transportwege einfallen lassen. Wenn wir immer nur einfach beschlagnahmen, können wir ja nie an die Hintermänner herankommen und die Haschflut eindämmen.“

Die Zollbeamten wiederum, die erst aus einer Lokalzeitung von der Verärgerung ihrer Kripokollegen erfuhren, luden umgehend zu einer Pressekonferenz und gaben einen Einblick in die Praxis der Rauschgiftfahndung. Die Journalisten erfuhren, daß die heiße Ware per Flugzeug von Kabul nach Frankfurt transportiert und dort in Teppiche versteckt wurde. Diese Teppiche kamen anschließend mit Lufthansa-Frachtmaschinen nach Hamburg und wurden im Freihafengelände gelagert. Empfänger war ein renommiertes Hamburger Fachgeschäft. Die Zollbeamten, von einem Spitzel in Zolldiensten am späten Samstagabend vom Eintreffen des Haschisch in Hamburg informiert, fanden die sofortige Beschlagnahme gerechtfertigt: Sie beriefen sich auf ihre Funktion als Steuerbeamte und den Paragraphen 22 der Reichsabgabenordnung, der unverzügliches Eingreifen erfordert habe. „Das fiel in unsere Zuständigkeit, und einer mußte die taktische Entscheidung treffen“ – so Günter Wuttig, Hamburgs oberster Zollfahnder.

Nach Wuttigs Darstellung haben noch am Tag nach der Beschlagnahme Kripo und Zoll gemeinsam nach den Haschhändlern gefahndet. Man will einen Lastkraftwagen ausgemacht haben, mit dem die fraglichen Teppiche anscheinend abgeholt werden sollten. Dieser Lkw wurde von der Kripo beschattet. Den beteiligten Kripobeamten aber bescheinigten die Zollbeamten laienhaftes Verhalten: Die Verfolgten bemerkten sehr schnell ihre Verfolger. Die Polizei, so die Zöllner, habe den Wagen mit den vermutlichen Händlern ohne Rücksicht auf Tarnung verfolgt und sei schließlich im Verkehrsgewirr abgehängt worden. Zollfander Wuttig: „Erst jetzt waren die Händler gewarnt, nicht schon vorher.“

Finanzpräsident Friedrich Elling und Kripochef Danker entschlossen sich nach Bekanntwerden der gegenseitigen Beschuldigungen, die gemeinsame Arbeit fortzusetzen und Konflikte künftig ohne Beteiligung der Öffentlichkeit auszudiskutieren. Aber die Präsidenten hatten die Rechnung ohne ihre Untergebenen gemacht. Knapp drei Wochen später meldete das Hamburger Abendblatt: „Wieder Unstimmigkeiten bei Kripo und Zoll.“ Kripobeamte lagen in Hamburg-Harburg auf der Lauer, um die Insassen eines mit 250 Kilogramm Haschisch gefüllten englischen Luxusautos abzufangen. Mitten in diese stille Szene platzten. Zollbeamte mit Blaulicht und Martinshorn. Ein Kripobeamter zu einem Journalisten: „Klar, daß da die Rauschgifthändler verjagt wurden.“ Kriminaldirektor Zühlsdorf entschuldigte die eifrigen Kollegen vom Zoll: „Sie sind nicht informiert worden, daß die Kripo auf Lauer lag“. Dieter Stäcker