Der Dollarkurs sinkt – aber der

Weg zurück zur Stabilität ist noch sehr weit

Nun hat der neue Wirtschafts- und Finanzminister bekommen, was er sich so sehnlich gewünscht hat: einen Dollarkurs von weniger als 3,50 Mark. Nach der Einigung zwischen Karl Schiller und Karl Klasen über das künftige Verhalten der Bundesbank an den Devisenmärkten ist der Kurs des Dollars gesunken – obwohl die Frankfurter Notenbank zunächst gar nicht als Verkäufer amerikanischer Währung in Erscheinung trat. Für die deutsche Industrie sind die Folgen klar: sie muß gegenüber allen Ländern außer der Schweiz, Österreich und den Niederlanden mit einem De-facto-Aufwertungssatz von rund fünf Prozent kalkulieren.

Das heißt: „Kalkulieren“ ist eigentlich ein reichlich euphemistischer Ausdruck. Niemand kann sagen, wie tief der Dollarkurs noch sinken kann (auch wenn es Gerüchte gibt, 3,45 Mark sei der neue „heimliche Interventionspunkt“, bei dessen Erreichen die Bundesbank Stützungskäufe vornehmen werde) oder wie hoch er zwischendurch wieder einmal steigen wird. Und vor allem: wer mag noch raten, wie lange der Wechselkurs der Mark frei schwanken wird – und ob am Ende die wiederhergestellte feste Parität auch wirklich die alte sein wird.

Was aus Bonn über Dauer und Ziel des Wechselkurs-Experiments zu hören ist, bleibt voller Widersprüche. Vom 15. Juni oder 1. Juli (beide Daten waren bei den Beratungen in Brüssel als mögliche Schlußtermine genannt worden) spricht keiner mehr – man kann bereits hören, wir müßten uns für ein Jahr oder länger auf „Flexibilität“ einstellen. Auch aus dem Hause der Bundesbank, deren Präsident die baldige Rückkehr zur alten Parität als bindende Verpflichtung bezeichnet hat, hört man jetzt Stimmen des Zweifels daran, ob eine Rückkehr zum alten Dollarkurs überhaupt wünschenswert sei.

So müssen wir uns auf Wochen der Ungewißheit einrichten. Das mag von Karl Schiller gewollt sein, um die Spekulanten nervös zu machen und die Unternehmer unter Druck zu setzen. Die einen sollen veranlaßt werden, aus Angst vor einer Rückkehr zur alten Parität Gewinne mitzunehmen und ihr Geld wieder aus der Bundesrepublik abzuziehen –, die anderen, bei Tarifverhandlungen den Gewerkschaften stärkeren Widerstand entgegenzusetzen.

Auch wenn sich diese Erwartungen erfüllen, auch im günstigsten Fall, wird freilich der gewünschte Effekt – die Dämpfung des Preisauftriebs – noch lange auf sich warten lassen. Gegenwärtig ist die Regierung von Kopf bis Fuß auf Stabilität eingeschworen. Aber wenn erst der Schock der Krise überwunden ist, wird sich für Schiller die Frage stellen, ob er eine strenge Austerity-Politik gegen seine Rivalen im Kabinett durchsetzen kann.