Von Dieter Buhl

Auch nach der erfolgreichen Pariser Gipfelkonferenz ist in Großbritannien keine Europa-Euphorie ausgebrochen. Edward Heath, der an der Seine die bisher schwerste Bewährungsprobe seiner politischen Laufbahn bestand, wurde nicht von allen seinen Landsleuten mit Begeisterung empfangen. Das Gipfelgespräch hat viele Zweifel an der Richtigkeit eines Beitritts zur Europäischen Gemeinschaft nicht völlig beseitigen können. Edward Heath muß, nachdem er die Franzosen dazu bekehrt hat, daß Großbritannien zu Europa gehört, erst noch sein eigenes Volk davon überzeugen.

Der Premierminister braucht die britische Öffentlichkeit nicht mit einem Blankoscheck zu kaufen. Zwar konnte er nach den Verhandlungen keine Zahlen zu den umstrittenen Details nennen, den Agrarimporten aus Neuseeland vor allem und dem Londoner Finanzierungsbeitrag zur Gemeinschaft, aber er konnte den Beitrittsgegnern doch imponieren. Schließlich erreichte er, was Macmillan und Wilson erfolglos versuchten: das französische Veto gegen Englands Beitritt aus der Welt zu schaffen.

Heath kam bei den Verhandlungen nicht nur zustatten, daß er in Pompidou einen flexibleren Gesprächspartner hatte als seine Vorgänger. Der Träger des Aachener Karls-Preises betonte in einer Tischrede im Elysèe, er habe während seines gesamten politischen Lebens „für ein vereintes Europa gearbeitet, dem mein Land angehören sollte“; in der Tat hätte er in seiner Jungfernrede im Unterhaus für Englands Eintritt in die Montanunion plädiert. So war er in Paris als Europäer ausreichend legitimiert.

Andererseits traf er sich mit Pompidou in seiner pragmatisch konservativen Vorstellung von Europas künftiger Gestalt und Rolle. Auch er tritt dafür ein, die Souveränitätsrechte der Mitgliedstaaten zu erhalten; auch er will einen mächtigen Ministerrat und eine schwache Kommission; auch er wünscht den Aufbau der Wirtschafts- und Währungsunion – vor der politischen Einigung. De Gaulles Idee vom „Europa der Vaterländer“ ist also nicht völlig überholt.

Nicht zu Unrecht wies Heath am Montag vor dem Unterhaus darauf hin, daß die Idee eines unabhängigen und starken Europa während der letzten zwanzig Jahre kein Monopol der Franzosen war. „Das ist ein Europa“, so rief der Premierminister den Abgeordneten zu, „das viele von uns immer angestrebt haben und das es an internationalem Handelsvolumen und weltweitem Einfluß wohl mit den Vereinigten Staaten, Japan und der Sowjetunion aufnehmen kann.“ Die Gespräche des Premiers mit Pompidou haben Europa diesem Ziel ein gutes Stück nähergebracht.

Dennoch blasen die Kritiker des britischen EWG-Beitritts lautstark zum letzten Gefecht. Die einen fragen mit dem konservativen Spectator: „Soll das britische Unterhaus Stimmvieh für einen französischen Triumph sein?“ Die anderen behaupten, wie der Daily Express: Für das Privileg des Beitritts, „müssen wir Hunderte Millionen von Pfund zuschießen, um die französischen Bauern zu unterstützen, unsere Hausfrauen dazu zwingen, astronomische Summen für Lebensmittel zu zahlen und Commonwealth-Freunde im Stich lassen“. Die überzeugten Monarchisten sehen gar, wie der Sunday Express schreibt, in der Europäischen Gemeinschaft eine Bedrohung für das Königshaus.