Von Wolfgang Hoffmann

Bernhard Tacke, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sprach erst vor wenigen Wochen aus, was die übrige DGB-Spitze nur zu denken wagt: Die Bundesregierung treibe eine rein liberalistische Wirtschaftspolitik in der Art des vorigen Jahrhunderts. "Sie hat nichts mit sozialer und aufgeklärter Marktwirtschaft zu tun", meinte der Düsseldorfer Spitzenfunktionär betont aggressiv.

Daß ausgerechnet der DGB-Vize solche massiven Vorwürfe gegen Bonn erhob, verblüffte nicht weiter; denn Tacke gilt wegen seiner CDU-Mitgliedschaft ohnedies nur als "Proporzgenosse" beim DGB. Dennoch beeilte sich DGB-Vorstandssprecher Rudolf Henschel, den abtrünnigen Kollegen in seine Schranken zu verweisen: "Die Wirtschaftspolitik des DGB vertritt nicht Herr Tacke, sondern Herr Neemann." Neemann war es denn auch, der der Bundesregierung zu Hilfe eilte, als sich abzeichnete, daß mit einer Preisberuhigung kaum zu rechnen ist.

Der Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik im DGB-Vorstand bezog Front gegen die Unternehmer: "Ein großer Teil der deutschen Unternehmer möchte aus politischen Motiven dieser Regierung Schwierigkeiten bereiten, indem er seine Preise stärker erhöht, als es der Marktlage und der Ertrags-Kosten-Relation entspricht." Neemanns Kritik an den Unternehmern war freilich auch nicht ohne politische Motivation: Er ist Bundestagsabgeordneter der SPD und zählt damit zu jenen Gewerkschaftern, die der Kanzler erst unlängst an ihre Parteipflichten erinnerte, als er sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß es Sozialdemokraten in führender gewerkschaftlicher Verantwortung gibt, die ... geneigt sein könnten, uns im Stich zu lassen."

Die Furcht der Regierung, von den Gewerkschaften im Stich gelassen zu werden, kommt nicht von ungefähr. Die Zukunft der Regierung Brandt hängt mehr und mehr von der wirtschaftlichen Stabilität ab und damit zugleich vom lohnpolitischen Wohlverhalten der Arbeitnehmer. Noch in der Währungsdebatte des Bundestages hatte der Kanzler vorsichtige Gewerkschaftsschelte geübt, als er betonte: "So erfreulich es ist, daß die Realeinkommen im vorigen Jahr stärker gestiegen sind als in jedem anderen Jahr seit der Währungsreform, so sehr müssen wir die Gefahr sehen, daß bei einer ausufernden Kostenentwicklung ein wirtschaftlicher Rückschlag auf uns zukommen kann."

Um so mehr sucht Brandt engere Kontakte zu den Gewerkschaften, wobei er gleichzeitig betont, niemand wolle sie an "ein Gängelband legen". Das hatte sich Vorsitzender Vetter auch verbeten, als er auf dem jüngsten DGB-Kongreß in Düsseldorf ankündigte, ein kritischerer Abstand zu den politischen Parteien tue not.

Daß die Sozialdemokraten künftig nicht mehr allzusehr mit parteipolitisch motivierter Schonung durch die Gewerkschaften rechnen können, zeigten die letzten Wochen und Monate deutlich. Der nahezu einseitige Maßhalte-Appell von Wirtschaftsminister Karl Schiller an die Adresse der Arbeitnehmer verärgerte die Gewerkschaften so sehr, daß bereits der Bestand der Konzertierten Aktion gefährdet war. Die letzte Konzertierte Aktion, der ein hartes Tête-à-tête zwischen Schiller und den DGB-Bossen vorausgegangen war, wird im Düsseldorfer DGB-Haus als "grauenhaft" geschildert.