Auf dem Gebiet des Kriminalromans ist nur sehr wenig Neues zu erwarten. Daß aber ein Autor den Leser auf gut dreihundert Seiten im ungewissen darüber läßt, ob er einen keinesfalls alltäglichen Liebesroman oder eine breitangelegte Schilderung sozialistischer Verhältnisse in einem Verlag (man muß hier konkreter sein: in einem totalitär gelenkten Land) liest, um erst auf den letzten zwanzig Seiten zu erfahren, daß er einen mit kaum zu übertreffender Akribie verfaßten Krimi gelesen hat, dürfte eine Seltenheit sein. Denn in dem "kriminalistischen Melodrama" von

Josef Skvorecky: "Junge Löwin", aus dem Französischen von Ludmilla Saß; Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin; 372 S., 24,80 DM

kommt es zu dem – von langer Hand vorbereiteten – Mord erst zu allerletzt, und seine Aufklärung erfordert nur einige Seiten, da man bereits alle Einzelheiten des Geschehens, alle Mitbeteiligten, das Tatmotiv und den genauen Zeitablauf des Mordes kennt.

Skvorecky ist in der Bundesrepublik durch seinen 1948/49 geschriebenen und in der Tschechoslowakei erst 1958 – immer noch unter skandalösen Umständen – erschienenen Roman "Feiglinge" bekanntgeworden. Der Roman spielte im Jahre 1945, schilderte einen mißlungenen Aufstand, der als Beitrag zur Befreiung von den Deutschen durch die Russen gemeint war und am vorsichtigen Taktieren der Stadtväter scheiterte. Kaum war das Buch erschienen, wurde es auch zurückgezogen; eine positive Kritik allerdings konnte nicht mehr zurückgehalten werden; im übrigen gab es – auf höhere Anweisung – nur Verrisse. Im neuen Roman gibt es eine Figur, einen Schriftsteller, mit dessen Buch dasselbe passiert ist: Er heißt "Malheur-Meister" und verbringt seine Zeit hauptsächlich damit, daß er die Schicksale seiner ehemaligen Kritiker verfolgt. Der eine ist über China mit dem Flugzeug abgestürzt, der zweite erlitt vier Herzinfarkte nacheinander, der dritte wurde wegen mehrfacher Taschendiebstähle eingelocht, der vierte schließlich ist der Ermordete des Romans.

Auch andere Motive des ersten Buches und dessen Schicksale tauchen noch einmal auf. Ein eifriger Mitarbeiter des Verlags arbeitet an der Geschichte der Partisanenbewegung in der Tschechoslowakei während des Zweiten Weltkriegs; man wundert sich darüber, was es da alles zu berichten gibt, bis der "Partisan" entlarvt wird – er hatte vor Anfang seiner Arbeit in den Stadtarchiven "die Akten in Ordnung gebracht" und dabei allerlei Erfundenes über Partisanentaten in die Aktenstapel eingeordnet. In seinem Werk aber zitiert er eben diese Erfindungen.

Dies alles erinnert ein wenig an Michail Bulgakows "Aufzeichnungen eines Toten": Auch dort geht einer daran zu Grunde, daß man sein Theaterstück mehrfach umarbeitet, vor der Premiere vom Spielplan absetzt, einen Roman daraus machen läßt, der aber am Ende doch nicht erscheinen kann. Auch bei Skvorecky beschäftigen sich die Redakteure fieberhaft mit der Umarbeitung der Manuskripte, dem Zurechtschneidern klassischer tschechischer Werke, bei denen religiöse und andere "kapitalistische" Bezüge entfernt oder zumindest entschärft werden. Die im Verlag spielenden Kapitel sind mit viel Humor geschrieben und für den Leser im Westen wahrscheinlich viel verständlicher als Bulgakows satirische Schilderungen, und das um so mehr, als sie nicht in Phantasmagorien ausarten, sondern streng realistisch bleiben.

Der Roman entstand in den Jahren 1963/67 – ein Umstand, der sich bei der Lektüre an keiner Stelle bemerkbar macht.

Mario Szenessy