Nirgendwo hat die Spekulation so leichtes Spiel wie in der Bundesrepublik. Ist es nur Ungeschick – oder hat es Methode?

Mit seiner sarkastischen Klage über die zu schwachen Schließmuskeln mancher Politiker hat. Herbert Wehner seinen Bonner Kollegen bitter unrecht getan. Denn Politiker sind auch nur Menschen (oder genauer: auch nur Deutsche) und damit anfällig für diese in der Bundesrepublik weitverbreitete Krankheit. Zu ihren Opfern zählen offenbar, jetzt auch die Mitglieder des Sachverständigenrates. Nicht nur, daß der Inhalt des Sondergutachtens der "fünf Weisen" bereits vor seiner offiziellen Veröffentlichung bekannt wurde – das ist in Bonn inzwischen die Regel –, die Mehrheit der Gutachter konnte es sich auch nicht: verkneifen, wieder einmal der Spekulation, Mut zu machen.

Mit ihrer Empfehlung, die Mark am Ende der Periode flexibler Kurse aufzuwerten, erschweren sie die Bemühungen der Bundesbank, die Spekulanten zu "verunsichern" und so den Politikern wieder Handlungsfreiheit zu verschaffen. Denn je größer die Hoffnung ist, daß es schließlich doch zu einer Aufwertung kommt, um so weniger Veranlassung besteht für die Devisenspekulanten, ihre in der Bundesrepublik unerwünschten Dollars bald wieder abzuziehen.

Kaum haben die Institute für Wirtschaftsforschung das Ihre getan, um die Spekulation anzuheizen, setzen die Sachverständigen das Spiel mit den Milliarden fort. Wieder könnte eine Situation herbeigeredet werden, aus der es nur einen einzigen Ausweg gibt.

Dem französischen Staatspräsidenten Pompidou darf man es deshalb nicht übelnehmen, wenn er über die Bundesrepublik sagt: "Sie hat ihre Probleme, selbst wenn sie manchmal dazu neigt, sie selber zu schaffen." Wenn Politiker in London, Brüssel oder Paris sich in gebührendem Abstand von einem Mikrophon über die Bundesrepublik äußern, fallen die Urteile erheblich schärfer aus.

In Brüssel und London scheint man, am ehesten an eine völlige Konzeptlosigkeit in der deutschen Europa- und Währungspolitik zu glauben. In Paris vor allem kann man sich dagegen nur schwer vorstellen, daß ein Land im Februar einer engeren Verknüpfung der EWG-Währungen zustimmt, um dann bereits im Mai in das andere Extrem zu verfallen und den Wechselkurs freizugeben, wenn dahinter nicht eine gewisse Absicht steht. In Frankreich, wo politische Äußerungen stets einem bestimmten Zweck dienen und präzise kalkuliert sind, wächst der Verdacht, daß alle Gutachten und die widersprüchlichen Stellungnahmen der Politiker und Bundesbankmitglieder zu einem abgekarteten Spiel gehören. Soviel politischer Dilettantismus wirkt schon wieder raffiniert.

Die weitestgehende Interpretation, die in Europas Hauptstädten hierzu gegeben wird: Einige deutsche Politiker hat wieder einmal der Größenwahn gepackt. Sie träumen davon, den Dollar zu stürzen und an seiner Stelle die Mark als westliche Leitwährung zu stellen.