Der Aufbruch der jungen Generation, ihr Aufbegehren gegen Prinzipien und Konventionen läßt sich in allen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens deutlich beobachten. Nicht nur ein Generationskonflikt, wie ihn schon Platon kannte und in seinen Auswüchsen beklagte, ist im Gange, der Prozeß ist stärker, dynamischer. Die Jugend betrachtet Altes kritischer, läßt sich nur schwer von Tradition, Erfahrung und ähnlichen, früher heilig gehaltenen Begriffen beeindrucken oder einschüchtern.

Dieser Prozeß hat mit seiner oft so befreienden Wirkung glücklicherweise auch vor den Schulen nicht haltgemacht. Diese, besonders die Gymnasien, lange Zeit ein gesellschaftspolitisches Vakuum, sehen sich heute einer neuen Situation gegenüber: Das Vakuum scheint ausgefüllt zu sein, konkret gesagt: Schule und Schüler sind stärker engagiert und beteiligt an der Bewegung, die unsere Gesellschaft erfaßt hat. Wie jede Bewegung, so hat auch diese die Schule mit Verspätung erreicht, aber sie ist da. Von dieser Situation ist die Schülerschaft gekennzeichnet beziehungsweise diejenigen Schüler, die im Rahmen eines evolutionären Prozesses aktiv an der Veränderung der Schule teilnehmen wollen. Dabei kommen sie zwangsläufig in Konflikt mit den oben genannten Begriffen, so zum Beispiel mit dem Begriff der Autorität, der fraglos im Schulleben eine bedeutende Rolle spielt. Der alte Autoritätsbegriff ist im Schwanken, genauso wie die alte Autorität selbst. Sie ist unglaubwürdig geworden, wird von der Jugend nicht mehr anerkannt. Aber letztlich, so weiß auch diese Jugend selbst, kommt die Schule ohne Autorität nicht aus. Denn: Eine evolutionäre Veränderung bei vorheriger Negation des Lernprozesses ist indiskutabel. Dieser Lernprozeß aber ist eine Kommunikation zwischen dem, der die Information hat, und dem, der sie aufnimmt. Dies bedingt a priori eine unterschiedliche Position der beiden Partner. Dadurch, daß wir dies erkennen und anerkennen, sind wir fähig zur Loslösung von der alten Autoritätsvorstellung und zur Entwicklung einer neuen. Die alte, dem Lehrer und Beamten anhaftende Autorität, ist ein Konglomerat von Macht, Gewalt und Alter. Sie ist ein willkürlich beigegebenes Attribut, von dem sein Träger glaubt, daß es unveränderlich sei, seine Schwächen und Fehler überdecke und ihm zeit seiner Amtsausübung zur Verfügung stehe: die Amtsautorität also.

Sie wird an der Skepsis der jungen Generation zerbrechen (wenn sie nicht schon zerbrochen ist), wird einer kritischen Analyse nicht standhalten können. Sie wird abgelöst werden durch eine neue, dem Menschen und Informationsträger zuzuordnende Autorität. Sie wird keine "Ruhekissenfunktion" haben, wird täglich neu erarbeitet werden müssen. Sie wird ein Konglomerat von Wissen, Überzeugungskraft, Toleranz und positiven charakterlichen Eigenschaften sein. Sie wird die Differenz von Lehrenden und Lernenden aufrechterhalten, aber auch die Differenz dieser am Schulleben beteiligten Partner auf dieses eine Gebiet beschränken. Sie wird nicht verliehen werden, sondern erarbeitet und vorgelebt werden müssen. Die moderne Soziologie nennt sie "Esteem", das richtige deutsche Wort wäre vielleicht fachlich-menschliche Autorität. Bei ihrer Anwendung könnten sich nach meiner Ansicht große positive Veränderungen im Schulleben ergeben: Sie würde nicht nur die Schülerschaft aus ihrer Unmündigkeit befreien, sondern könnte auch die Schule und die Beamtenschaft aus ihrer teilweise vorhandenen Lethargie führen.

Henneke Lütgerath