Das vietnamesische Volk hängt seit eh und je sehr an der Lyrik. Vielleicht darum liebt es den jungen Dichter To Huu mehr als alle Prosaschriftsteller. To Huu ist Kommunist und Minister in Hanoi. Seine Lieder sind trotzdem auch in Südvietnam überall bekannt. Er kennt sein Volk genau und hat, wie seine Altvorderen, trotz des Krieges bis heute nur Lieder über den Frieden geschrieben, die das Sehnen eines jeden Vietnamesen widerspiegeln.

Immer ist die vietnamesische Literatur von Krieg und Unterdrückung geprägt gewesen, an denen es in der 3000jährigen Geschichte dieses Landes keinen Mangel gegeben hat. 1000 Jahre lang (von 111 v. Chr. an) war Vietnam eine Südprovinz Chinas. Die vietnamesische Oberschicht kannte bis zum 10. Jahrhundert nur die Bildung, die das klassische China vermittelte. Die eigene vietnamesische Sprache galt den Gebildeten als barbarisch. Doch allmählich sahen sich die kaiserlichen Beamten gezwungen, Gesetze und Proklamationen außer in chinesischer auch in vietnamesischer Sprache zu schreiben, wollten sie vom Volk verstanden werden. Um aber die Tonalität dieser Sprache ausdrücken zu können, mußte eine eigene Schrift entwickelt werden: das Nom, die vietnamesische Ideogrammschrift. Sie erst machte es möglich, nunmehr auch in der Sprache des Volkes literarisch tätig zu werden.

Im Jahre 1282 entstanden die ersten Gedichte, die nach Sprache und Form nicht mehr chinesisch waren. Und gerade jetzt wurde das Land von einem Krieg heimgesucht, der die vietnamesische Literatur gewaltig beflügelte. Die Mongolen überfielen Vietnam und versuchten, es China wieder einzugliedern. Gegen den Ansturm der 500 000 Reiter konnten die Heere der Feudalherrscher nichts ausrichten; das gesamte Volk mußte mobilisiert werden. Angeführt von dem Feldherrn und Dichter Tran hung Dao gelang es ihm, die Heere des Toghan vernichtend zu schlagen. Seinen Sieg feierte das Volk in Liedern und Gedichten; die Gelehrten an der Universität trugen das Ihre bei und schrieben Proklamationen in der sonst so verpönten Sprache des Volkes. Erstmalig konnte ein Dichter beim Siegesmahl im Palast vor dem Kaiser Verse vietnamesisch vortragen.

1289 schrieb der Sieger das "Wahrhafte Buch vom Wiederaufbau", das als erste große Dichtung ein Merkmal trägt, mit dem sich die vietnamesische Literatur von anderen unterscheidet: frieden, nicht aber Krieg und Sieg werden besangen. Der Dichter spricht nur von den Schrecken des Kampfes, findet keine Worte für Heldentaten, schreibt kein Heldenepos, sondern eine Friedenshymne.

140 Jahre nach den Mongolenkriegen überfielen die Ming-Kaiser Vietnam und plünderten es zwanzig Jahre aus. Abermals erhob sich das Volk und siegte, wieder unter der Führung eines Dichters. Nguyen Trai, 1382 geboren, gilt heute als der größte Dichter des alten Vietnam. Nach dem Siege über China schrieb er 1428 eine Kaiserproklamation, an deren Schluß die Verse s:ehen:

Wir suchten Frieden, nicht Grausamkeit.

Wir ließen Barken und Pferde dem Feind und ließen