Wenn sich die Männer der deutschen Widerstandsbewegung wieder einmal über die Tiraden und Eskapaden des Diktators entsetzten und zugleich den Mangel an Zivilcourage in der Ministerialbürokratie und der Generalität beklagten, entfuhr dem alerten Verwaltungsbeamten Gisevius ein vorlautes "Wie gehabt!" Offiziere und Beamte, die sich auch in den dreißiger und vierziger Jahren noch der preußischen Monarchie verpflichtet fühlten, runzelten unwillig die Stirn: Wie konnte sich dieser junge Mann unterstehen, den Exilkaiser in Doorn und den Gefreiten aus Braunau miteinander zu vergleichen? Derlei "Übertreibungen" überließen sie doch lieber, den extremen Linken, die ja schon vor 1933 Hitler als Adolf den Ersten oder Wilhelm den Dritten karikiert hatten. Nun, einige Jahrzehnte später, noch gerade rechtzeitig, um in der abflauenden Diskussion über die Kontinuität in der deutschen Zeitgeschichte den Anschluß zu finden, sucht er diese Analogie in einem zitatengespickten Buch zu belegen

Hans Bernd Gisevius: "Der Anfang vom Ende. Wie es mit Wilhelm II. begann"; Droemer Knaur Verlag, München 1971, 376 S., 26,– DM.

Gisevius hat sich die ersten zehn Regierungsjahre des Kaisers vorgenommen, in denen Wilhelm noch vom "persönlichen Regiment" träumte, der Himmel für ihn noch voller Geigen hing, eine aufstrebende Generation erwartungsfroh auf ihn baute und die Wissenden sich schon bald voll Grausen abwendeten – um des Systems willen aber schweigend die Launen des Herrschers ertrugen. Hätte Gisevius die späteren Jahre nicht nur im Vorübergehen gestreift, sondern seine Studie konsequent weitergeführt, dann wäre viel klarer geworden, daß sich der Mythos des Kaisers noch zu seinen Regierungszeiten überlebt hat. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges bekam Wilhelm II. selber bitter zu spüren, wie ihn jene Klassen, deren Exponent er so lange gewesen, rüde fallenließen. Seine letzten Stützen sollten nun auf einmal die Sozialdemokraten sein, die er unlängst noch hatte köpfen wollen. Aber schon jene zehn ersten Jahre genügten, ein ganzes Zeitalter nach Wilhelm zu benennen. Der wilhelminische Lebensstil hat vieles vorgeformt, was Hitler und seine Spießgesellen dann mit schrecklichem Inhalt füllten.

Im Klappentext des Buches wird beteuert, es gehe nicht darum, "die Kompendien von ausgefallenen Kaiserzitaten uni ein weiteres ‚ zu vermehren". Genau darum geht es aber, wenn die Kontinuität vom Wilhelminismus zum Hitlerismus ersichtlich werden soll. Die "Alles-odernichts"-Attitüde der Nationalsozialisten, sie wurde schon im August 1888 von dem jugendlichen Herrscher vorweggenommen, der sich brüstete, die Deutschen würden "lieber unsere gesamten 18 Armeekorps und 42 Millionen Einwohner auf der Walstatt liegenlassen", als auch nur einen einzigen Stein von Elsaß-Lothringen wieder preiszugeben. Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß es nicht bloß die Alldeutschen gewesen sind, die ihrem Volke die Gemüter verwirrten, sondern es war allen voran dieser alldeutsche Kaiser, der im Kasinoton die Welt regieren wollte.

Gisevius, in seine These verliebt, übertreibt die Vergleiche mitunter. Er übersieht, bisweilen, die großen Unterschiede von Kaiser und Führer. Hitler war der starke Mann, der Wilhelm nie gewesen ist. Jener meinte, was er sagte, während dieser schon sein großes Wort für die Tat nahm. Wilhelm schwelgte gern in Blutrunst, aber er hat weder Millionen Menschen ermorden lassen noch die Sozialdemokraten ins Konzentrationslager gesteckt. Das Wort Krieg hat er unzählige Male variiert, aber als es dann soweit war, verlor er die Nerven (vgl. ZEITmagazin "Die Hohenzollern").

Gisevius spekuliert, ob sich Hitler nicht als "großdeutscher Rächer für Wilhelms II. Pfuschereien" gefühlt haben könne. Es wäre eine Seminararbeit wert, zu untersuchen, wieweit sich der vagabundierende junge Hitler vom Kaiser hat beeindrucken lassen. Gisevius: "Man kann sich unschwer vorstellen, mit welcher hämischen Genugtuung der arrivierte Führer dem ihn vom fernen Exil aus eifersüchtig beobachtenden Exkaiser eine Lektion zu erteilen bemüht war, was man alles durch den unermüdlichen Einsatz von Planung, Wagemut, Willen und Durchhaltevermögen dem Schicksal abtrotzen könne."

Gisevius ist ein temperamentvoller Schreiber. Er versteht es, den Leser mitzureißen, auch wenn dieser sich in dem etwas konfus geratenen Buch nicht mehr ganz zurechtfindet. Weniger wäre sicher mehr gewesen. Für jüngere Leser freilich, die weder Erich Eyck noch Emil Ludwig gelesen haben, die Erinnerungen des Grafen Zedlitz und die Briefe Eulenburgs nicht kennen und auch nicht die Tagebücher des Admirals von Müller und des Flügeladjutanten von Ilsemann, ist dieses Buch eine Fundgrube. Um ihretwillen hat es sich gelohnt. K. H. J.