Man braucht nur ein paar dieser täglichen Katastrophenmeldungen zu erwähnen, um die Misere vor Augen zu haben. Beliebte Hotels, Cafés, Biergärten verschwinden. Straßen verkommen unter der Allmacht des "privaten Fahrverkehrs" oder fallen den Beherrschern des Konsums zum Opfer. Auf den Vorfeldern entstehen nach wie vor Retortensiedlungen von absurder Ordentlichkeit und Leere. Bäume werden eher gefällt als gepflanzt. Grünanlagen genießen vor Benutzung einen Schutz wie barocke Gartenanlagen. Schlimm vor allem: Es kümmern ganze gewachsene charakteristische Wohnviertel in Citynähe, weil das Geld, das die Macht hat, Wohnungen verschwinden läßt und seine Großgeschäftsburgen aufrichtet.

"Die Anhäufung der Trutzburgen unserer Wirtschaftsherren und der menschenfeindlichen Wohnmaschinen der profitorientierten Wohnindustrie kann keinesfalls Rechtfertigung für die Härte der Vertreibung verwurzelter Bewohner und der Vernichtung alter Stadtviertel mit anheimelnder Atmosphäre sein", sagte der Bürgerratsvorsitzende Samberger in München. Sein Satz, den Stadtteil Lehel betreffend, hätte fast unverändert in vielen anderen deutschen Städten fallen können.

Und es geht vorläufig weiter so. Zwar wissen wir, daß die Stadt von morgen hier und heute bestimmt wird – aber wir wissen nicht, wie sie geplant werden müßte. Immer noch wird an unseren Universitäten, in den Planungsämtern, in den Parlamenten viel zu stark auf die Intuition, das Fingerspitzengefühl vertraut, wo längst interdisziplinäre Forschung, notwendig wäre, schon um endlich einmal zu einer wenigstens grob umrissenen Theorie der Stadt zu kommen. Denn die Stadt ist ja schon lange nicht mehr primär ein stadtkünstlerisches Ereignis, sondern ein vorwiegend politischer und ökonomischer Vorgang; sie ist schon lange nicht mehr ein Zustand, sondern ein progressiv sich beschleunigender Prozeß; ihr Aggregatzustand, sagte der Oberbürgermeister Vogel, sei nicht mehr fest, sondern flüssig.

So etwas liest sich ab an so unattraktiven Wachstümern wie den Abwässern, den Schul- und Krankenhausplätzen, dem Stromverbrauch, dem Müll, den Ausleihen aus der Bibliothek, der Mobilität, auch an der ebenso rasch wachsenden Diskrepanz zwischen privatem Wohlstand und öffentlichem Kassenruin, auch am Stadtbild, das zerfressen wird, das verödet, seine "Persönlichkeit" verliert und im Grunde immer noch dem Satz gehorcht, den der frühere Hamburger Stadtbaumeister Fritz Schumacher vor fünfzig Jahren geschrieben hat: "In Wahrheit haben nicht die Architekten die moderne Großstadt gebaut, sondern die Gesetzgeber schufen eine Form, welche die Geschäftsleute ausgossen..." In München fiel vorige Woche beim 16. Deutschen Städtetag ein sehr verwandter Satz: "Der herrschende Städtebau ist der Städtebau der Herrschenden."

Die sich allmählich ihrer Kraft und ihrer Expertenschaft als Städter bewußt werdenden Bürger wirken bei alledem ungeheuer frisch und ermutigend. Man muß auch Versuche, die Öffentlichkeit zu informieren, loben, wie in Hamburg vorige Woche, wo zum erstenmal Journalisten als Beobachter eines Preisgerichtes geladen waren (siehe Seite 14); aber der Schritt ist erst wirklich getan, wenn die Öffentlichkeit nicht nur über mehr oder weniger Unabänderliches informiert, sondern am Planungsprozeß beteiligt wird.

Städtebau, soviel ist sicher, ist ein Thema geworden, ein Thema der Öffentlichkeit:

Manfred Sack