Von Alexander Schwan

Neue Krise an der FU", "Professoren werfen das Handtuch", "Parteien blicken mit Sorge auf die Universität" – so und ähnlich hat die Freie Universität Berlin während der letzten Woche in der Tagespresse unversehens wieder Schlagzeilen gemacht. Unversehens deshalb, weil es doch so schien – und das Präsidialamt förderte mit zahlreichen schönfärberischen Verlautbarungen in der Öffentlichkeit diesen Anschein –, als habe sich die Situation an der FU nun nach langen Wirren beruhigt, als sei man allenthalben von der Politik zur Sache der Wissenschaft übergegangen, als werde überhaupt nirgendwo so viel und intensiv gearbeitet wie in der FU (Vizepräsident Wesel). Wie sehr-solcher Anschein trügerisch war und einen ganz anderen Zustand der Universität oberflächlich verdeckte, enthüllt eine Serie von Rücktritten aus wichtigen Universitätsgremien demonstrativ. Unter ihnen wiegt am schwersten, daß 10 von 24 Mitgliedern (darunter neun von elf Professoren) aus dem Akademmischen Senat – neben und nach dem Präsidenten das zweite Leitungsorgan der Universität – ausgetreten sind. Im Senat verbleiben als erstgewählte Mandanten auf der Seite der Hochschullehrer nur noch der Vizepräsident Lax und ich selbst. Ich habe mich der Kritik der Zurückgetretenen in allen Punkten angeschlossen, bedaure ihren Schritt jedoch insofern, als damit die Rolle einer kompakten, aber konstruktiven Opposition gegen die Politik des Präsidialamtes institutionell nicht mehr wahrnehmbar ist.

Diese Opposition erweist sich von Monat zu Monat als eine immer gebieterischere Notwendigkeit. Das sagt jemand, der zu jenen Hochschullehrern gehörte, die nach der aufsehenerregenden Wahl des Assistenten Rolf Kreibich zum FU-Präsidenten meinten, diesem Mann müsse eine faire Chance eingeräumt werden, sich als ein fähiger und wohlmeinender. Sachwalter der gesamten Universität und aller Universitätsangehörigen zu erweisen. Die Chance hat er In nunmehr eineinhalb Jahren gehabt und verspielt. Damit kommen wir zum Kern der Gründe für die Rücktrittswelle und – die dadurch neuerlich aufgedeckte schwere Krise der FU.

Rolf Kreibich hat sich inzwischen klar als ein institutionell zwar sehr starker, persönlich und politisch aber schwacher Präsident erwiesen. Er hat es nicht vermocht – obwohl er zunächst dazu willens schien –, die Basis der ihn anfangs unterstützenden Kräfte (liriksradikale bis linksliberale Gruppen) weit in das liberale Lager hinein zu verbreitern, wo ihm nach erster Skepsis durchaus Sympathien zuwuchsen: Respektiert wurden damals sein. Mut und Redlichkeit, mit denen er sich im ersten halben Jahr seiner Amtszeit für eine Zusammenarbeit aller die Hochschulreform bejahenden’ oder sich mit ihr arrangierenden Universitätsangehörigen einzusetzen verhieß; Das hätte allerdings einschließen müssen, daß er sich dem bestimmenden Einfluß der "Roten Zellen" und verwandter linksradikaler Gruppen sowie der vpri ihnen stark durchsetzten Beraterstäbe und informellen Gremien, die keiner öffentlichen Kontrolle zugänglich sind, deutlich entzogen hätte. Das hat er nicht vermocht, gehindert wohl auch durch die maßgeblichen Mitarbeiter im Präsidialamt. und heute scheint er dazu selber nicht mehr bereit. Seine politische Perspektive ist immer einäugiger, sein Verhalten immer parteiischer geworden. Er gefährdet damit. aufs schwerste die Hochschulreform im Sinne der Entwicklung einer demokratischen Universität und Wissenschaft, wofür sich zu engagieren er verhallter vorgibt.

Hintergrund einer solch harten Feststellung ist das rapide Anwachsen des Einflusses linksextremer Gruppen auf den Studien- und Lehrbetrieb der FU und der Wandel dieser Gruppen von überwiegend radikaldemokratisch-antiautoritäranarchistischer Orientierung zu eindeutig kommunistischer (leninistischer, teilweise stalinistischer) Ausrichtung mit allen Konsequenzen disziplinierter Kaderorganisation und -Strategie. Diese Tendenz gibt es an den meisten deutschen Hochschulen, in Berlin ist sie jedoch wieder einmal besonders ausgeprägt. Neben vielen anderen Faktoren haben eine massive "linke" Propaganda und ebenso nachdrückliche Kassandrarufe aus der "rechten" Ecke (besonders bei einem Teil der Presse) in unheiliger Allianz die FU so überzeugend als das "rote Mekka" erscheinen lassen – zu einer Zeit, als dies von den Tatsachen her noch nicht gerechtfertigt und die Situation für unterschiedliche Wege noch offen war –, daß sich heute die unfrommen Prophezeiungen zu erfüllen beginnen. Liberale und demokratisch gesinnte Studenten und Lehrkräfte wandern immer mehr ab oder ziehen sich resignierend zurück, kommunistische strömen in geradezu geometrischer Progression ein.

An die Stelle einer wissenschaftlich und politisch offenen Auseinandersetzung tritt weitgehend ein bloßer Machtkampf um Personalstellen und Positionen und um die Etablierung eines rein marxistischen Studienganges und Wissenschaftsbetriebes versus Wissenschaftspluralismus und Wissenschaftsfreiheit. Wo die "Marxisten" (noch) in der Minderheit sind, schließen sie sich in integralen Studien- und Lehrkollektiven zusammen und von den anderen ab und boykottieren die "bürgerlichen" Lehrveranstaltungen; wo sie bereits in die Mehrheitsrolle gelangt sind, drängten sie die anderen Studenten und Lehrkräfte an die Wand, indem sie ihnen nahezu keine Stellen mehr zugestanden.

Nun verweisen so manche Linksliberale mit Fleiß darauf, es gebe an der FU doch fast noch keine marxistischen Professoren, hier sei sogar im Gegenteil ein erheblicher Nachholbedarf anzuerkennen. Unter diesem Motto haben sie sich auch für die Berufung von Hans Heinz Holz eingesetzt und das ablehnende Verhalten von Wissenschaftssenator Stein in dieser Sache scharf verurteilt. Sie sehen nicht oder wollen gegenüber der Öffentlichkeit nicht zugeben, daß in den sozial- und literaturwissenschaftlichen Fachbereichen die Tutoren fast ausschließlich, die Assistenten zur guten Hälfte bereits Marxisten oder Mitläufer sind. Und gerade in diesen Schichten hat es seit etwa einem Jahr eine ungeheure. Stellenexplosion gegeben, die ganz überwiegend den Linksradikalen zugute gekommen ist. Denn die Vergabe von Tutorenstellen entzog sich weitgehend einer effektiven Kontrolle der Fachbereiche und wurde faktisch vom Präsidialamt gesteuert, während für Assistentenstellen mangels Bereitschaft kaum noch nichtmarxistische Bewerber, etwa aus Westdeutschland, in Berlin aufzubieten sind. Viele andere Stellen in der Verwaltung vergibt das Präsidialamt an "Linke" für diverse Sonderaufgaben, ohne dafür öffentlich Rechenschaft zu leisten.