Von Dieter Buhl

Ich schätze Herrn Leber ans der Vergangenheit sehr." Das Eingeständnis geht Wolfgang Kassebohm, dem Widersacher des Bundesverkehrsministers, nebst anderen Artigkeiten über den "geraden und direkten Menschen" Leber ohne Zögern von den Lippen. Kassebohm, der vom Dienst suspendierte Präsident des Verbandes Deutscher Flugleiter, läßt jedoch keinen Zweifel daran, daß er mit dem Minister Leber weniger zufrieden ist. Er wirft seinem obersten Dienstherrn vielmehr vor, er habe den seit über fünf Wochen andauernden Streit zwischen den Fluglotsen und dem Bundesverkehrsministerium in den letzten Tagen unnötig angeheizt.

Zur Begründung seines Vorwurfs führt Kassebohm das Frankfurter Treffen zwischen Leber und den Fluglotsen von vergangener Woche an. Es sei zwar anzuerkennen, daß sich Leber zu einem Gespäch bereit erklärt habe, und seine Rede vor den Fluglotsen sei im Tenor auch sehr gemäßigt gewesen, aber sie habe doch genügend Seitenhiebe enthalten, "um die Kollegen zu verärgern". Außerdem sei es sinnlos, an der vom Dienst suspendierten Spitze des Flugleiterverbandes vorbei mit den einzelnen Mitgliedern zu verhandeln: "Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren", sagt Kassebohm stellvertretend für die rund 800 Fluglotsen, von denen 95 Prozent im VDF organisiert sind.

Obwohl die Beziehungen zum Verkehrsministerium inzwischen auf dem Nullpunkt angelangt sind, ist der VDF weiterhin verhandlungsbereit. Kassebohm: "Wir möchten lieber heute als morgen zu echten Sachgesprächen kommen." Es würde den Fluglotsen jetzt schon genügen, wenn das Ministerium die "Tendenz" sichtbar werden ließe, auf ihre Wünsche einzugehen. Trotz dieser neuen Bescheidenheit bleibt der Verband bei seinem umfänglichen Katalog von Forderungen:

  • Das Ausbildungssystem soll verändert und gleichzeitig der Fehlbestand an Personal beseitigt werden. Die Fluglotsen sollen weiter drei Jahre lang ausgebildet werden, aber während dieser Zeit mehr als bisher praktisch tätig sein können. • In den Kontrolltürmen soll das Leistungsprinzip eingeführt werden. Gab es bisher bei den Controllern Gehaltsunterschiede um bis zu tausend Mark monatlich (die Gehälter der Lotsen betragen zwischen 1550 und 2600 Mark), so sollen künftig für gleiche Leistungen auch gleiche Gehälter gezahlt werden.
  • Die Diskrepanz zwischen den Gehältern der Flugleiter und denen des fliegenden Personals soll abgebaut werden, Kassebohm: "Unsere Gehälter dürfen sich nicht an denen der Stewardessen und Purser orientieren, sondern müßten mit dem Einkommen der Flugingenieure zu vergleichen sein."
  • Die Arbeitszeit soll aus Gründen der Flugsicherheit verkürzt werden. Kassebohm: "Wer fünf Stunden ohne Unterbrechung vor dem Radarschirm sitzt, verfügt nicht mehr über die nötige Kraft und Konzentration, um seine verantwortungsvolle Aufgabe voll zu erfüllen."

Von diesen Zielen will sich der Verband Deutscher Flugleiter auch durch die wachsende Kritik aus der Öffentlichkeit und durch den zunehmenden Unmut der Piloten nicht abbringen lassen. "Ich kann die Verärgerung der Passagiere zwar verstehen", meint der Präsident des VDF, "aber die Kritik sollte sich nicht nur auf die Flugleiter, sondern auch auf das Bundesverkehrsministerium richten." Außerdem sei es unrichtig, den Controllern Verstöße gegen die Dienstvorschriften vorzuwerfen. "Sie machen keinen "Dienst nach Vorschrift‘, sondern arbeiten normal und legen dabei den Maßstab der Sicherheit und ihrer eigenen Arbeitskraft an." Wenn es wirklich "Bummelanten" unter den Fluglotsen gäbe, heißt es beim VDF, hätte das Verkehrsministerium längst eine viel größere Zahl von Disziplinarverfahren einleiten müssen.

Von einer Einstellung des Flugbetriebes, wie Leber es ausgedrückt und der Betriebsratsvorsitzende der Lufthansa, Wolfgang Schmidt, gefordert hat, hält der VDF nichts. Man könne nicht um einiger Prinzipien willen den gesamten Luftverkehr in der Bundesrepublik einstellen. Dennoch scheint die Drohung Kassebohm Sorgen zu machen. Er behauptet zwar, die Stimmung unter den Controllern sei sehr einheitlich und niemand würde wieder mit "überhöhtem Eifer" arbeiten, "bevor nicht die Lösung der Sachfrage in Sicht ist". Aber er deutet, etwas kleinlauter, doch auch an, daß die Lotsen nicht mehr alles sofort verlangen: "Wenn uns das Ministerium jetzt sagen würde, es gibt noch eine Durststrecke von zwei, drei Jahren bis zur Realisierung der Reformen, dann würden wir sofort wieder in die Pedale treten."