Von Joachim Schwelien

Washington, im Juni

Vor kurzem noch hieß es, der amerikanische Außenminister William Pierce Rogers beabsichtige, nach Ablauf der ersten Amtszeit Präsident Nixons aus dem Amt zu scheiden und die Leitung des State Department in andere Hände übergehen zu lassen. Diese Absicht hat er inzwischen aufgegeben. Heute strahlen seine graublauen Augen Zuversicht aus, wenn er von seiner Karriere spricht. Dieser Optimismus überträgt sich auf seine Beurteilung der Weltpolitik.

Rogers hofft – und das ist in jedem Satz zu spüren –, daß er noch bei mancher Konfliktbereinigung mitwirken wird. Seine Antwort auf die Frage, ob er bei einer Wiederwahl Nixons weiter Außenminister zu bleiben wünsche, ist ein uneingeschränktes "Ja". Das Amt belaste ihn physisch nicht sonderlich, er habe Erfahrungen gesammelt, fühle sich in der Beurteilung der Probleme sicher und glaube, auch einige Erfolge vorweisen zu können. Allerdings wolle er auch nicht wie sein Vorgänger Dean Rusk volle acht Jahre an der Spitze seines Ministeriums stehen. Das wäre ihm etwas zu lang. Aber einige Jahre werde er gern ausharren.

Diese neu gewonnene Selbstsicherheit ist ein bemerkenswerter Zug an "Bill" Rogers, wie seine Vertrauten ihn nennen. Er kann sich dabei nicht zuletzt auf seine lange und enge Freundschaft mit Richard Nixon stützen.

Dreimal schon hat Rogers den jetzigen Präsidenten aus mißlichen Lagen herauspauken helfen, als dieser erst am Beginn seiner politischen Laufbahn stand. Als der junge kalifornische Abgeordnete Nixon 1948 sich darüber schlüssig werden mußte, ob er im Ausschuß des Repräsentantenhauses zur Bekämpfung amerikafeindlicher Umtriebe die Untersuchung gegen den spionageverdächtigen früheren Karriere-Diplomaten Alger Hiss weiterbetreiben sollte, wandte er sich an Rogers, der damals Rechtsberater in einem Senatsausschuß war. Der in vielen Strafverfahren als New Yorker Staatsanwalt geschulte Rogers gab dem jungen Abgeordneten den Rat: Da sich die Aussagen von Alger Hiss und seinem Belastungszeugen Whittacker Chambers gegenseitig ausschließen, aber gleichermaßen überzeugend präzise klingen, muß einer von ihnen lügen: daher muß diese Sache bis zur Klärung weiterverfolgt werden. Richard Nixon beherzigte das. Er stellte Hiss bloß, der später verurteilt wurde. Das verhalf seinem Aufstieg an die Seite Dwight Eisenhowers als Vizepräsident.

Ebenso hilfreich erwies sich der Zuspruch von Rogers, als Nixon im Wahlkampf von 1952 wegen der Verwendung von Wahlspenden angefeindet wurde und Eisenhower sogar erwog, ihn fallenzulassen. Wieder war es Rogers, der ihm riet, standhaft zu bleiben und jene berühmte Rechtfertigungsrede zu halten, die ihn von allen Anschuldigungen und Verdächtigungen befreite. Als dann Eisenhower 1955 seinen ersten Herzanfall erlitt und die delikaten Modalitäten seiner Amtsvertretung durch den Vizepräsidenten Nixon zu regeln waren, ohne den General am Krankenbett zu stören, geschah das im Haus von William Rogers. Mit einem Lächeln, das Genugtuung verrät, bemerkt der Außenminister, Nixon habe seine Autobiographie "Meine sechs Krisen" betitelt, und drei davon habe er mit lösen helfen.