Die Rothschilds geben Pardon – Seite 1

Vor dem Schöffengericht in Paris spielte sich das Schlußkapitel einer Räubergeschichte ab, wobei ausgerechnet die Geschädigten alles taten, die heitere Seite des Dramas zu beleuchten. Es waren Guy und David de Rothschild, Vater und Sohn. Ihr Schaden war jedoch nicht materieller, sondern, wenn man so will, psychischer, nervlicher Natur: Aufregung im einen, Angst, vielleicht sogar Todesangst im anderen Falle. Doch da sie wohlbehalten aus der Gefahr hervorgegangen waren, in der sie Geistesgegenwart und Courage bewiesen hatten, gaben sie ihrem Angreifer, der jetzt als Angeklagter vor Gericht stand, Pardon und verhalfen ihm zur Freiheit.

Es ist fast zwei Jahre her: David de Rothschild, ein junger Mann in den Zwanzigern, der seinem Vater nacheifert und wohl dessen Nachfolge in der Leitung der berühmten Bank antreten wird, war noch im Morgenrock, als der Diener meldete, es sei Besuch für ihn da. David, immer höflich, immer freundlich, stand sofort zur Verfügung. Und so kam es zur ersten grotesken Szene.

Salon. Anwesend, weil auf Befehl des Eindringlings herbeigerufen: Baronin Alix de Rothschild, nämlich Davids Mutter, dieser selbst, dann der Diener und ein Masseur. Der Angreifer, ein junger Mann in Davids Alter, hieß Joseph Stadnik, Sohn einer Familie polnischer Herkunft.

Er war fabelhaft ausgerüstet: In der Linken ein Pappzettel mit der in großen Buchstaben gemalten Inschrift: "Ruhe! Kein Wort. Oder ich schieße. Es handelt sich um Brandschatzung!" In der Rechten eine Pistole mit Knalldämpfer. Unterm Arm einen Beutel mit gefährlichem Inhalt: eine Karnevalsmaske eine Tränengasgranate, ein Fläschchen Salzsäure, schließlich eine Dose mit Schlafpillen, die offensichtlich für die Dame des Hauses und für die Diener bestimmt waren,

So saß also der Räuber im gelben Mantel, mit rosa Gummihandschuhen auf dem Sofa im Salon, schweißgebadet, die entsicherte Pistole in der zitternden Hand. Und der junge Baron, der es vor Gericht so farbig erzählte, hatte höchstwahrscheinlich recht, als er sagte, gerade diese zitternde Furcht des Erpressers sei geeignet gewesen, die größte Besorgnis einzuflößen: Angst vor Kurzschlußhandlung. Denn ein Erpresser war der ungebetene Gast. Er verlangte nicht weniger als zwei Millionen Francs in bar auf die Hand, und zwar sofort, sonst würde er schießen.

David de Rothschild: "Ich versuchte, ihn zu überzeugen, daß man zwei Millionen höchst selten in der Nachttischschublade aufbewahre. Er antwortete, dann solle ich mich gefälligst an die Bank wenden und dabei geltend machen, die Ehre eines Freundes stünde auf dem Spiel. Ich hielt ihm entgegen, dieser Vorwand sei wenig überzeugend. Schließlich habe ich meinen Vater, angerufen, um ihn zu bitten, in aller Eile das Geld zusammenzubringen."

Was aber geschah nun während der Zeit, da Guy de Rothschild auf den telephonischen Hilferuf seines Sohnes die Geldscheine besorgte und (natürlich nachdem die Nummern notiert worden waren) in einer Mappe verpackte, mit der Polizei die nächsten Schritte verabredete und sich schließlich im Auto auf den Weg machte? Glaubt es, oder glaubt es nicht: Man unterhielt sich im Salon!

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Der Räuber fragte: "Haben Sie auch Ihre Militärzeit schon hinter sich gebracht?" – "Allerdings." – "Na ja." Und dann unterhielten sich die beiden jungen Männer darüber, daß es nicht gut sei, wenn die einen reich, die anderen arm seien.

Joseph war arm. Sein Vater, ein Säufer, war davongegangen; die Mutter, eine brave Frau, krank, verzweifelt; die Schwester im Studium. Und Joseph selber, einmal Bauarbeiter, dann kleiner Angestellter, stets korrekt und zuverlässig, war verlobt und wollte sein und seiner Angehörigen Leben ändern. Es dauerte diese Wartezeit im Salon zwei Stunden.

Und dann die andere Groteskszene im Auto, von der Guy de Rothschild berichtete. Der Baron saß neben dem Fahrer, der Erpresser auf dem Rücksitz, neben sich die Aktentasche mit den Millionen. "Zuerst wollte er nach Issy-les-Moulineaux, um einen Hubschrauber zu nehmen. Aber ich konnte ihm klarmachen, daß dies unvernünftig sei. Dann kam er auf die Idee, einen Transistor zu kaufen, um zu hören, ob man schon von ihm spräche. Er wußte nicht, wohin er wollte, und ich nicht, wie ich ihn loswerden könnte. Ich sagte ihm, ich hätte genau wie er Kriminalromane gelesen, und es; sei am besten, wenn er versuche, sich, in der Menge zu verlieren.. Aber er wollte nichts hören. Er! blieb hartnäckig im Auto."

Bis bei der nächsten roten Ampel zwei Kommissare, die im eigenen Wagen hinterhergefahren waren, den Schlag aufrissen und den Räuber packten.

Kein Zweifel, daß beide Rothschilds, obwohl sie Gelegenheit hatten, die "Sache hochzuspielen", absichtlich das Gegenteil taten. Hatte schon Alix de Rothschild versucht, die Mutter Josephs zu trösten, so gingen sie vor Gericht nach der Regel vor: Ende gut, alles gut.

Fünf Jahre Gefängnis – mit Bewährung.