Hans-Jochen Vogel: Das System selbst reformieren

Aus dem Referat des Münchner Oberbürgermeisters Vogel vor dem Deutschen Städtetag:

"Ich glaube, wir müssen noch etwas tiefer schürfen und fragen, ob einige der von mir beschriebenen Mängel und Gefahren innerhalb des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems überhaupt behoben werden, das heißt, ob die Städte unter den Bedingungen der heutigen Industriegesellschaft überhaupt gesunden können. Lassen sich unter diesen Bedingungen, unter denen die Menschen immer mehr verstädtern, die Städte vermenschlichen?

Ich befürchte, daß die besten Planungsteams mit modernsten Verwaltungs- und Steuerungstechnikern und voll entwickelten Regionalverbänden den Kampf um die Vermenschlichung der Städte nicht gewinnen werden, wenn wir nicht das System selbst reformieren... Es verstärkt sich immer mehr der Anschein, als ob unsere Gesellschaft, unser Industriesystem, nur ein Ziel, einen einzigen Polarstern kenne, nämlich die Ausweitung der Produktion, die Steigerung des Profits, des Einkommens und des Konsums, die höhere Zuwachsrate und den technologischen Fortschritt. Manchmal könnte es so scheinen, als wenn die Zuwachsrate zum Götzen unserer Zeit geworden ist...

Für das Industriesystem leuchtet der Nutzen dieses Verfahrens ohne weiteres ein. Zwingt es doch den einzelnen, länger und angestrengter zu arbeiten als er es ohne diese manipulierten Konsumbedürfnisse tun müßte, und gewährleistet es dem System doch die konstant wachsende Nachfrage, die es für seine langfristigen Planungen braucht. Allerdings sollten wir einmal über diese Zusammenhänge nachdenken. Vielleicht auch über jenen, der zwischen dem Bedürfnis des Industriesystems nach langfristigen Abnahmegarantien, nach Planungssicherheit und Überwälzung des Entwicklungsrisikos einerseits und den Rüstungsaufträgen, der Sicherheitspolitik und den wirklichen und vermeintlichen äußeren Bedrohungen der Staaten andererseits besteht – übrigens in Ost und West.

Es ist nicht zu leugnen, daß dieses System gewaltige Kräfte freigesetzt und dazu beigetragen hat, die fortgeschrittenen Industrienationen von materieller Not zu befreien... Aber jetzt beginnt das Wachstum der Zuwachsrate, beginnt das System zum Selbstzweck zu werden. Es ist offenbar nicht bereit, sich aus Lebensbereichen zurückzuziehen, in denen es zu widersinnigen, mitunter sogar zerstörerischen und unmenschlichen Konsequenzen führt. Ja, es schickt sich an, sich neue Bereiche zu unterwerfen. Es dient nicht mehr, es herrscht und durchdringt alle Verhaltensweisen und selbst das Bewußtsein...

Das System leistet der Bodenspekulation fast unbegrenzten Vorschub – gleichzeitig aber vergießt man Krokodilstränen über die Verödung unserer Innenstädte, über die Schwächung unserer Investitionskraft und über die Mieterhöhungen.