Von Ulrich Kaiser

Als Mr. Ossie Plaskitt Ende März das Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade in der Münchner Saarstraße besuchte, stand seine Visite im Terminkalender des Hauses zwischen einer Pressekonferenz anläßlich der Glücksspiralen-Lotterie und der Eröffnung einer Ausstellung bei der flandrischen Frühjahrsmesse in Gent. Eine Woche später erklärte Mr. Plaskitt, seines Zeichens Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees für Rhodesien, wieder zu Hause in Salisbury, daß die Spiele 1972 bestimmt sehr schön würden, es gäbe keine Schwierigkeiten irgendwelcher Art, und die offizielle Einladungsurkunde habe er auch gleich mitgebracht.

Mit seinen lapidaren Erklärungen hatte Ossie Piaskitt in der afrikanischen Welt in ein Wespennest gestochen; Wenige Stunden später kam der erste Protest aus Addis Abeba, wo Äthiopiens NOK-Präsident Tessema einen Boykott der Münchner Spiele ankündigte, wenn das von einer Minderheit von gut 300 000 Weißen regierte Rhodesien teilnähme. Sambias Erziehungsminister Nyirenda schloß sich der Drohung an, genauso lauteten Stimmen aus Somali und Ghana. Ägyptens offiziöses Regierungsorgan "Al Ahram" forderte die Schwarz-Afrikaner zum allgemeinen. Daheimbleiben auf. Der Amerikaner Lee Evans, in Mexiko 1968 mehr noch durch seine Black-Power-Demonstration während der Siegerehrung als durch seinen glänzenden 400-Meter-Lauf populär geworden, bot sich an, die Boykottierer anzuführen. In Yaounde/Kamerun trat der oberste afrikanische Sportrat zusammen und ließ seinen Generalsekretär Jean Claude Ganga mitteilen, daß man die Einladung als einen unfreundlichen Akt der Münchner Organisatoren betrachte; und Willi Damme solle seine für Ende Mai geplante Afrikareise besser verschieben. Moskaus richtungweisendes Sportblatt "Sowjetskij Sport" indessen befleißigte sich allerdings einer zwar tendenziösen, aber keineswegs zur Revolution aufrufenden Berichterstattung: "Die Einladung Rhodesiens zur Olympiade hat die Sportler des afrikanischen Kontinents beunruhigt." Zu guter Letzt fühlte sich auch Bonns Regierungssprecher Ahlers bemüßigt: Man werte prüfen, ob die Einreise rhodesischer Sportler mit der Resolution des UNO-Sicherheitsrats zu vereinbaren sei. Außerdem habe man ja auch keine diplomatischen Beziehungen mit Rhodesien.

Noch selten wurde mit so wenig Sachverstand und so viel schlechter Information argumentiert. Der Bonner Regierungssprecher vergaß, daß in München fast ein Dutzend Mannschaften einmarschieren werden, mit deren Ländern man keine Botschaften unterhält – unter anderem die DDR. Er sprach von Paßschwierigkeiten, ohne zu berücksichtigen, daß alle Olympiateilnehmer Spezialausweise erhalten. Ganz davon abgesehen, daß er freudig einen Schwarzen Peter aufgriff, der eineinhalb Jahre vor Beginn des Spektakels besser bei den Olympiern geblieben wäre. Generalsekretär Ganga indessen beschuldigte die Münchner Organisatoren, ohne zu bemerken, daß diese weiter nichts taten als das, was ihre Pflicht ist: die Einhaltung der olympischen Regeln nämlich, die im Moment noch eine Beteiligung Rhodesiens vorschreiben. Ganz davon abgesehen, daß nicht OK-Präsident Willi Daume, sondern dessen Vize und ehemaliger bayerischer Kultursminister Ludwig Huber die Reise nach Afrika unternehmen sollte.

Wenige Tage später indessen verabschiedete das Präsidium der International Amateur Athletic Federation (IAAF) in London mit der Stimme des Sudanesen Agabani eine aus Salisbury eingetroffene Schrift, in der es hieß, daß es in Rhodesien keine Klubs nur für Schwarze oder Weiße gäbe, daß man keine nach Rassen getrennten Meisterschaften austrage, daß der Sportler des Jahres ein farbiger Sprinter namens Artwell Mandaza sei, daß zur Zeit mehr farbige als weiße Sportler im Nationaltrikot des Landes starten. Diese offizielle Aussage der IAAF-Leute, gedacht als Anweisung für alle nationalen Leichtathletik-Verbände und deren Meisterschaften, steht nun gegen die der Afrikaner. Wobei zunächst noch bemerkenswert erscheint, daß sich ihr auch der Marquess of Exeter anschloß, der als Stockbrite den Abfall Rhodesiens unter Ian Smith vor sechs Jahren aus dem Commonwealth gewiß nicht mit Freude miterlebte. Das IAAF-Papier dürfte die Afrikaner kaum überzeugt haben: Ende April erlebten Münchens Organisatoren einen kleinen Boykottvorgeschmack, als sie in der Olympiastadt ein vom Bonner Presse- und Informationsamt finanziertes Seminar für afrikanische Sportjournalisten durchführten und von 24 angekündigten Schreibern nur gerade die Hälfte erschien.

Die entscheidende Frage bei alldem scheint allerdings die nach den Kompetenzen zu sein.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC), das bei diesem Komplex allein Entscheidungsgewalt haben kann, beruft sich auf seine absolute Neutralität in Sachen Religion, Politik, Rassismus oder sonstiger Weltanschauungen. Dieses Ignorieren innenpolitischer Gegebenheiten ist es aber auch, was dem IOC ein solch langes, starkes, wenn auch oft eigenbrötlerisches Leben bescherte. Ob dieses Gremium nun überhaupt das Recht besitzt, innenpolitische Dinge in einem der angeschlossenen Länder zu kritisieren und gar daraus noch Konsequenzen zu ziehen, erscheint einigermaßen fraglich. Nach dem ersten Präzedenzfall könnten genausogut Forderungen durch den inneramerikanischen Rassenkonflikt, den Vietnam-Krieg, die Augusttage 1968 in Prag, für Pakistan und Indien, für den schwelend-flackernden Streit am Suezkanal herausgefordert werden. Es wäre das Ende aller Olympischen Spiele, wobei der Verlust nur in einer alle vier Jahre wiederkehrenden zweiwöchigen Illusion des Friedens läge. Das scheint nicht viel zu sein, aber manchmal sind sogar Illusionen überdenkenswert.