Von Marion Gräfin Dönhoff

Der hanseatische Stadtstaat, an jenem großen Strom gelegen, der stets eine Scheidelinie zwischen den Westdeutschen und den Ostdeutschen – den "Ostelbiern" – bildete und der doch zugleich bis weit hinein nach Böhmen und Mähren dem Osten als Handelsstraße diente und mithin nicht nur trennt, sondern auch verbindet, dieser hanseatische Stadtstaat ist manchem Preußen zur zweiten Heimat geworden. Vielleicht, daß zwischen dem Hansischen und dem Preußischen eine gewisse Verwandtschaft besteht.

Hamburgs nun scheidender Bürgermeister Herbert Weichmann, ranggleich mit den Ministerpräsidenten der Länder, ist geborener Schlesien Nach einer kurzen Zeit als Landrichter in Breslau wechselte er in die preußische Verwaltung über und war bis zur Machtergreifung Hitlers Mitarbeiter von Ministerpräsident Otto Braun. Wegen "Unzuverlässigkeit" von den Nazis entlassen, wanderte er 1933 nach Frankreich aus, mußte aber acht Jahre später, 1941, wieder flüchten: Er emigrierte nach USA, um dem Herrschaftsbereich der Braunen zu entgehen.

Im Frühjahr 1946 schrieb Weichmann von New York aus an Robert Kempner, den Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen. Sorge erfülle ihn, wie es gelingen könne, Deutschland sinnvoll wieder aufzubauen und in Europa einzugliedern, wo es doch an jeglicher Übereinkunft über die Reorganisation Europas fehle: "Ich denke, es gibt eine ganze Menge Leute, die, so wie ich, nicht Ausschau nach einem Job halten, sondern gewillt und darauf vorbereitet sind, Opfer zu bringen ... Aber wenn Leute, die formelle Anträge für die Rückkehr nach Deutschland gestellt haben, nicht einmal eine Antwort bekommen, wer soll dann gewillt sein, zurückzukehren, um das Ganze in Gang zu setzen, und wie soll es dann möglich sein, überhaupt vernünftige Leute zu finden?"

Herbert Weichmann kehrte sehr früh nach Deutschland zurück. Sein ebenfalls heimgekehrter Freund Max Brauer holte ihn nach Hamburg, wo er 1948 Präsident des Rechnungshofes, 1957 Finanzsenator und 1965 Erster Bürgermeister wurde. Er hat bewußt und sehr überlegt neue Maßstäbe des Regierens und Verwaltens gesetzt und galt in all den Jahren im Bundesrat als ein führender Experte in Fragen des Haushalts und der Finanzen.

Mit zunehmendem Alter hat ihn angesichts der Unruhe unter den Jungen die Erinnerung an Weimar immer stärker bedrückt. Immer wieder warnte er vor der Gewalt der Straße, von der bald eine epidemische Wirkung ausgehen werde, wenn erst einmal parlamentarische Entscheidungen zurückgenommen oder notwendige Entschlüsse nicht gefaßt würden: "Verkennen wir nicht die Stärke einer aktiven Minorität in einer passiven oder gar verdrossenen Majorität!"

Er wettert gegen die Rebellen, die das Establishment als Sündenbock erfunden hätten. Wer von uns Politikern, so fragt er, besitzt denn schon eine etablierte Macht angesichts der täglich möglichen Kündigung und der sozialen Ungesichertheit, in der sich gerade die Menschen befinden, die die Last der politischen Verantwortung auf sich genommen haben? Und: "Wer von uns fühlt sich eigentlich glücklich in der täglichen Rolle des Beschimpften?" So manches Mal mag Herbert Weichmann daran erinnert worden sein, daß er sich nach dem Kriege bereit erklärt hatte, Opfer zu bringen.