Wozu soll politische Bildung dienen? Wohin soll sie führen? Einen consensus omnium gibt es nicht. Daran krankt alle politische Unterweisung an unseren Schulen. Die Erziehung zum "Staatsbürger", die Integration des jungen Menschen in die festgefügte Ordnung gegenwärtiger Gesellschaft, wird zwar noch weithin als Unterrichtsziel angegeben. Aber eine andere Bildung, die nicht auf Anpassung, sondern auf Veränderung, nicht auf bloß verstehende Hinnahme des Gegebenen, sondern auf Kritik des Bestehenden gerichtet ist, wird gerade von jüngeren Lehrern immer häufiger gefordert. Nur hapert es dann oft an der Ausbildung, oder es fehlen geeignete Grundlagen, obgleich gerade auf diesem Gebiet mehr denn je an bedrucktem Papier produziert wird. Abhilfe wollen und können die Herausgeber einer neuen Schriftenreihe schaffen, in der endlich einmal nicht nur theoretisiert wird, nicht Steine statt Brot angeboten werden:

"Modelle für den politischen und sozialwissenschaftlichen Unterricht"; hrsg. von Ingrid und Rolf Schmiederer; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1970/71; Einfachbände 5,– DM, Doppelbände 10,– DM.

An Themen wurden unter anderem abgehandelt:Wahlen in der Bundesrepublik, wirtschaftliche Mitbestimmung, Werbung in Wirtschaft und Politik, Faschismus und Gesellschaftsstruktur, Berlinkrise 1958/61, Kommunikation in der Gesellschaft, Justiz, Arbeitsschutz, Kommunismus in der Sowjetunion. Die Aufzählung zeigt schon, daß den Herausgebern ein politischer Unterricht vorschwebt, der sich an aktuellen Problemen und an Strukturelementen unserer Gesellschaft orientiert. Das hat seinen Sinn: Man will wegkommen vom bloßen Wiederkäuen politischer Institutionenlehre. Politische Bildung soll, so die Herausgeber, den Beteiligten ermöglichen, "sich in ihrer sozialen Umwelt zurechtzufinden, einen politischen Standort zu bekommen und sich politisch zu engagieren".

In den vorliegenden Heften wird vielfältiges Material aufbereitet: als Orientierungshilfe für Lehrende und – für Lernende. Quellen, Texte, statistische Angaben, Literaturauszüge werden zwar von unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Positionen aus erschlossen, aber alle Modelle sind gleichartig für einen Unterricht konzipiert, der weitgehend Gruppenarbeit mit starker Selbstbeteiligung der Schüler vorsieht.

Vorlagen für die konkrete Gestaltung des Unterrichts freilich wollen und können die Verfasser nicht geben, schon deswegen nicht, weil ihre Modelle im Prinzip nicht auf bestimmte Schulgattungen oder Klassenstufen bezogen sind, sondern vornehmlich auf das jeweilige Thema, das durchaus auf verschiedenen Ebenen behandelt werden könnte. Die Autoren wollen lediglich anregen, Hilfestellung geben, methodische Grundlagen liefern, auch dann, wenn sie sich an didaktische Gegebenheiten für eine bestimmte Altersstufe anlehnen.

Dem Prinzip des exemplarischen Unterrichts entspricht die Beschränkung auf relativ begrenzte Themen und der Verzicht auf größere zusammenhängende Komplexe, wie sie sonst in Lehrbüchern angeboten werden. Immer aber soll Typisches verdeutlicht werden. So dient etwa im ersten Heft die Bundestagswahl 1969 als Grundlage für die übergreifende Analyse des Problems der Wahlen im demokratischen System der Bundesrepublik und parlamentarischer Wahlen überhaupt. Das Thema Werbung trifft einen Sachverhalt, der von den Schülern Tag für Tag sehr komplex erlebt und erfahren wird, der ihre Situation vielfältig bestimmt und von dessen Analyse aus sich Einsichten in Aufbau und Verhaltensweisen der Gesellschaft ergeben können. Gerade dieses Heft ist besonders gut gelungen.

Friedrich Andrae