Die Leute gehen immer seltener ins Kino, weil sie immer mehr Filme vom Fernsehen präsentiert bekommen: von der ARD und dem ZDF 1969 insgesamt 282, 1970 schon 304; von den dritten Programmen 1969 214 Filme, 1970 gar 333.

Die alte Klage ertönte wieder einmal am 26. Mai von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft aus Wiesbaden. Drei Tage später begann das Pfingstwochenende mit seinem wohlkalkulierten Feiertags-Familienprogramm, und das widerlegte aufs schönste den Futterneid des großen Bruders Kino. Die beiden Hauptprogramme haben sich offenbar darauf besonnen, daß sie von der Filmwirtschaft einseitig profitiert haben, und starten neue Hilfsaktionen.

Ihre Strategie ist denkbar einfach: Sie senden jenen Schwachsinn, mit dem sich die Filmwirtschaft jahrelang erfolgreich ruiniert hat. An den drei Tagen insgesamt acht Filme, von denen mit viel Wohlwollen einer oder zwei diskutabel genannt werden könnten. Ansonsten: Klamotten, Oberflächliches fürs Gemüt, mit einem zugkräftigen Schauspieler aufgemöbelte Trivialitäten aus der Mottenkiste.

Meist genügten die Titel und der Name des Stars, um sich ein Bild zu machen: "Schiff ohne Heimat": Spencer Tracy (rauhbeiniger Käpt’n der "Mayflower" erhält von den edlen Pilgrim-Fathers eine Lektion in Menschengüte und demokratischem Bewußsein); "Ein fast anständiges Mädchen": Liselotte Pulver (Sekretärin mit Chef auf Dienstreise, sie bleibt fast anständig); "Anton der Letzte": Hans Moser (Kammerdiener als Hüter und Verteidiger wahren Adelsbewußtseins); "Meine Kinder und Ich": Grethe Weiser ("resolutes Familienoberhaupt" in Durchhaltepose, Deutschland deine Mütter...); "Lilien auf dem Felde": Sidney Poitier (schwarzer Landstreicher läßt sich von vier quietschenden Nonnen und ihrer Dragoneroberin einwickeln und baut eine Kapelle in der Wüste – Rührung mit Kreuzschlag); "Heidi" (neunzig Minuten "Bärenmarke"-Reklame, Alm und Stadt gleich Gut und Böse).

Abends nach zehn noch je ein "schwerer Charakter". "Der häßliche Amerikaner": Marlon Brando, und "Herr auf Schloß Brassac": Jean Gabin. Früher einmal Rebellen im Leben und in ihren Rollen, wuchs mit ihrem Umfang ihr Spießertum. Brando spielt einen energischen, snobistischen Kalten Krieger, Gabin einen versoffenen Kauz mit Gemüt. Zwei helfen der westlichen Welt mit autoritärem Superman-Gebaren.

Im gesamten Spielfilmangebot also die gewohnte Eintracht von ARD und ZDF. Anders ausgedrückt: Konkurrenz statt Kontrast. (Ein Prinzip, das am Montagabend auch im übrigen Programm besonders augenfällig war. Um 20.15 Uhr Zeitkritisches als Spiel, bei der ARD Günter Grass’ "Davor", beim ZDF Gore Vidals "Besuch auf einem fremden Planeten"; um Punkt 21.50 Uhr dann Politik und Soziales, hier eine Israel-, dort eine Emanzipationsreportage; um 22.40 Uhr schließlich E-Musik, die Sopranistin Arlene Saunders in der ARD, Arturo Toscanini im ZDF. Daß es eine Programm-Koordinations-Abteilung gebe, muß ein Gerücht aus grauer Vorzeit sein.)

Der Gerechtigkeit halber sei noch angemerkt, daß sich auf dem Sektor Spielfilm wenigstens die dritten Programme um einen anspruchsvollen Kontrast zu den Banalitäten im ersten und zweiten Kanal bemühten.

Der ZDF-Programmplaner Dieter Stolte und vor ihm mehrere Anstalten der ARD haben kürzlich auf ihr überaltertes Konzept von "Rentner-Programmen" hingewiesen. In wenigen Jahren sind über fünfzig Prozent der deutschen Zuschauer unter dreißig – für die Schmarren von Johanna Spyri oder Grethe Weiser dürften sie wenig Interesse aufbringen. Wie soll sich aber etwas ändern, wenn alle Programmacher noch immer wie hypnotisiert auf jene Zuschauerzahlen und -urteile starren und sogar mit ihnen hausieren gehen, die sie sich für viel Geld nur von denjenigen holen lassen, die ihre Programme sehen – statt von denen, die, wie sicher nicht wenige bei diesem Pfingstprogramm, verärgert und resigniert den Apparat gar nicht erst anstellen? Wolf Donner