Von Rudolf von Thadden

Es war im Zug zwischen Berlin und Warschau. Im Abteil saßen ein Pole, der schlecht Deutsch sprach, ein Deutscher aus der DDR, der gut Sächsisch sprach, und ein Deutscher aus der Bundesrepublik, der, seiner Mundart nach zu schließen, früher nicht westlich der Elbe gelebt hatte.

"Wo fahren Sie hin?" fragte der Ostdeutsche den Westdeutschen mit forschendem Interesse. "Nach Breslau, in meine alte Heimatstadt, zu Bekannten." "Nach Breslau? Sie meinen Wroclaw", korrrigierte der Ostdeutsche, "Sie reisen in die Volksrepublik Polen." Der Pole saß im Hintergrund und lächelte. Nach einer Weile setzte der Ostdeutsche noch einmal zum Gespräch an, um sich, wie er meinte, verständlicher zu machen: "Ich sage Ihnen das nur, weil der polnische Schaffner Breslau nicht verstehen wird." Jetzt lächelte der Pole noch einmal, diesmal freilich so, daß er selber zu reden beginnen mußte, wenn er nicht unhöflich hätte erscheinen wollen. "Polnischer Schaffner versteht Breslau gut, aber vielleicht versteht er nicht, daß Deutsche zu Deutschen Wroclaw sagen."

Dies war mein erster Eindruck in Polen; er sollte sich vielfach bestätigen. Verständnis für das Empfinden von Menschen, die ihre alte Heimat ohne Verkrampfung im fremden Lande suchen, war mehr verbreitet, als es bei uns angenommen wird. Die Polen jenseits von Oder und Neiße sind ein sensibles Volk, sensibel im Bewußtsein der eigenen Geschichte, sensibel aber auch im Blick auf die Äußerungen anderer. Seismographisch genau werden die Reaktionen von Fremden registriert. Wen nimmt es wunder, daß die der Deutschen besonders aufmerksam beobachtet werden. Durch Jahrhunderte hindurch hat es Polen mit Vertretern des deutschen Volkes zu tun gehabt, und über hundert Jahre haben seine westlichen und südlichen Teile zu deutschen Staaten gehört. In Posen kennt die ältere Generation die Probleme der preußischen Geschichte nicht nur aus Schulbüchern, und in Krakau verbinden auch heute noch viele persönliche Erinnerungen mit dem Namen und der Atmosphäre von Wien.

Diese älteren Erinnerungen an deutsche Wirksamkeit haben die Sensibilität uns gegenüber nicht weniger stark bestimmt als die kurze Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Die entwürdigende Knechtung Polens durch das Hitler-Reich hat furchtbare Spuren hinterlassen; kein Gespräch mit Menschen über Dreißig, das nicht Erinnerungen an einen persönlichen Verlust oder Schrecken wachruft. Aber darunter sind tiefere Schichten der Deutschenkenntnis verborgen. In jeder größeren polnischen Stadt gibt es Kreise, mit denen man fruchtbar und kritisch über Probleme der mitteleuropäischen Sozial- und Kulturgeschichte debattieren kann.

Es gibt so etwas wie ein Ungleichgewicht der Kenntnisse. Die Deutschen fahren in der Regel nach Polen, ohne die besonderen historischen Empfindlichkeiten und Ängste dieses Volkes zu kennen. Die Polen beobachten die Deutschen hingegen mit der Aufmerksamkeit derer, die lange Zeit in Abhängigkeit von ihnen gelebt haben. Nur über eine größere Bereitschaft der Deutschen, ihre Kenntnisse über ihren polnischen Nachbarn zu vermehren, wird eine Verständigung zwischen beiden Völkern möglich sein. Solange immer nur einer spürt, was im andern vor sich geht, kann natürlicher Kontakt nicht entstehen.

Deswegen sollte keine Reise in die früheren deutschen Ostgebiete führen, die nicht zuvor auch polnische Kernlande berührt hat. Wer etwa nicht gesehen hat, daß Warschau ein Stadtbild hat, das aus Ruinen buchstäblich neu entstanden ist, wird nicht verstehen, warum das Sicherheitsbedürfnis der Polen heute so stark ausgeprägt ist. Und wer sich nicht polnische Flüchtlingsschicksale aus dem Kriege hat erzählen lassen, wird nicht begreifen, warum sich dieses Volk wie kein zweites nach Beständigkeit und Ruhe sehnt.