Von Franz Josef Strauß

Entspannung und Abschreckung – einerseits das Bemühen um einen politischen Modus vivendi mit dem Osten und andererseits die Aufrechterhaltung eines militärischen Schutzes für den Westen, sollen der doppelte Zweck der westlichen Allianz bleiben. Doch die Abschreckung, die in der Rangordnung der Erfordernisse hinter die Entspannung zurückgedrängt zu werden drohte, soll – sofern das glückt – offenbar wieder an den Platz zurücktreten, der ihr im Dispositiv der Sicherheit gebührt.

Die Abschreckung ist fürwahr nicht – wie es radikal-idealistische Denkschulen unter dem Einfluß kommunistischer Propaganda dartun – ein Gegensatz zur Entspannung, sondern ihre Voraussetzung, weshalb der Entspannung nicht genutzt, sondern geschadet wird, wenn das Streben nach ihr den Drang steigert, die Abschreckung zu demontieren. Diese Tendenz wurde während der letzten Jahre weithin in der freien Welt, zumal auf unserem Kontinent, merkbar und gewann Einfluß auf die Politik. Vom rosigen Licht optimistischer Prognosen angestrahlt, schwand die graue Grundfarbe der möglichen gefahrvollen Zukunft aus dem Gesichtsfeld, so daß eine pessimistische Beurteilung der Lage, wie sie sich aus der nüchternen Analyse von Ereignissen und Entwicklungen eigentlich aufzwang, kaum ins Bewußtsein einzudringen vermochte.

Das Schicksal Europas wird jedoch nicht von seinem eigenen Wunsch nach Ruhe, Wohlstand und Fortschritt, sondern letztlich vom Ergebnis des Ringkampfes der Riesen – Amerikas und Rußlands – abhängen, da es den Zwergen unseres Erdteils an der Macht gebricht, die Gefahr des Krieges zu bannen. Frieden aber kann es – nach einem Satz von Mao Tse-tung – nur zwischen zwei Katzen geben, doch niemals zwischen einer Katze und lauter Mäusen.

Immerhin schien das vorige Jahrzehnt für die Welt – jedenfalls für die Nationen, die sich als zivilisiert zu bezeichnen pflegen – im Zustand einer fast perfekten Sicherheit begonnen zu haben. Denn das Risiko eines Zusammenpralls der Streitkräfte schien durch die gegenseitige Abschreckung der beiden Supermächte in West und Ost beseitigt zu sein, so daß sich auch die Staaten, die zur freiwilligen oder zwangsweisen Klientel der zwei Großen gehörten oder als Neutrale vom Gleichgewicht ihrer Kräfte profitierten, auf eine Epoche dauerhaften, mehr oder minder erträglichen Miteinanders einrichten zu dürfen wähnten und die Chance zu schauen meinten, das Gegeneinander durch Entspannung zu überwinden.

Zwei Krisen ließen freilich erkennen, daß der Konflikt zwischen dem demokratischen und dem kommunistischen Lager, der früher die Motive allen Handelns bestimmt hatte, als Ursache etwaiger Unsicherheit bestehen geblieben war:

  • Im August 1961 erlaubte es Moskau seinem Ostberliner Satelliten, der das deutsche Glacis der sowjetischen Strategie verwaltete, eine Sperrmauer durch die Inselstadt zu ziehen. Das war eine offensive Aktion der UdSSR zu dem defensiven Zweck, ihrer "DDR", die durch die Flucht ihrer Menschen der biologischen Substanz allmählich beraubt wurde, die Möglichkeit der Konsolidierung zu bieten.
  • Im Oktober und November 1962 versuchte die sowjetische Macht, Mittelstrecken-Raketen auf der kubanischen Insel zu stationieren, wurde aber durch die energische Reaktion der amerikanischen Regierung zum Rückzug gezwungen. Washington zeigte Moskau damit, daß es seinen Ausdehnungsdrang nicht über die erreichte Linie hinaus verfolgen sollte.