Die Ziele der Moskauer Rüstung gegen Washington werden nicht weniger klar durch die Entwicklung auf dem Felde der Atomwaffen:

  • Die Sowjetunion hat die Zahl ihrer Interkontinentalgeschosse seit 1967 von 460 auf 1300, womöglich auf 1400 erhöht, während sich die Vereinigten Staaten seither mit 1054 Flugkörpern dieser Klasse begnügen.
  • In der Zahl der Mittelstrecken-Raketen, die zum Abschuß von Unterseebooten aus bestimmt sind, kommen die Sowjets, die ihren Bestand in der genannten Periode von 100 auf 280 steigerten, langsam, aber stetig dichter an die Amerikaner heran, die über 656 Flugkörper dieser Kategorie verfügen.
  • Moskau übertrumpft Washington zudem in der Zahl der Mittelstreckenraketen an Land, von denen die meisten gegen Europa gerichtet sind, seit dem ersten Drittel der sechziger Jahre im Verhältnis 700 zu 0.
  • In der Zahl der Langstrecken-Bomber liegt die UdSSR mit 200 zu 450 hinter den USA, während sie ihnen in der Zahl der Mittelstrecken-Bomber mit 1050 zu 60 weit voraus ist.

Daß die Vereinigten Staaten solche Entwicklungen mit Sorge verfolgen, hat zweifellos Berechtigung, zumal da nicht allein quantitative, sondern gleichermaßen qualitative Fortschritte der Sowjetunion konstatiert werden müssen – Fortschritte, die ziemlich klar auf die sowjetische Absicht hindeuten, ein Potential zu schaffen, das in der Lage ist, den größten Teil der amerikanischen Vergeltungskapazität mit einem Hieb zum größten Teil auszuschalten.

Die Moskauer Mühe wäre allerdings wohl falsch interpretiert, würde sie im Sinne einer direkten Strategie gewertet – etwa als sowjetischer Plan, den amerikanischen Feind durch einen Atom-Überfall niederzuhauen, um ihn wehrlos zu machen. Sie ist vielmehr als indirekte Strategie zu begreifen, bei der es gilt zu zeigen, was getan werden kann, damit es seinen Zweck erfüllt, ohne getan werden zu müssen.

So betrachtet, sind Kernwaffen keine militärischen Werkzeuge, die ihre Wirksamkeit durch ihren Einsatz im Krieg beweisen sollen, sondern politische Instrumente, die einen psychologischen Effekt durch Drohung erzeugen. Sie dienen der Defensive, wenn sich ihre Besitzer miteinem Potential zufrieden geben, das hinreicht, eine Aggression mit gleicher Münze heimzuzahlen, ihr also durch glaubwürdige Abschreckung vorzubeugen. Sie werden aber zu Mitteln der Offensive, wenn ihr Inhaber sein Arsenal derart entfaltet, daß es in seiner Menge und seinen Eigenschaften das Schutzerfordernis überragt und zur Erpressung taugt.

Und eben dafür scheint die Sowjetunion eine Ausgangsstellung beziehen zu wollen, während die Vereinigten Staaten das "nukleare Patt" in einer Situation stabilisieren möchten, in der keiner der beiden Giganten den anderen zu attackieren vermag, ohne damit Selbstmord zu begehen. Sollte die UdSSR folglich den Rahmen einer "Strategie des zweiten Schlages" sprengen, indem sie fortfährt, sich Kapazitäten für den "ersten Schlag" zu produzieren, könnten die USA mit ihr kein dauerhaftes Arrangement schließen. Vereinbarungen, die eventuell dennoch zustande kämen, würden kurzfristig einen schönen Schein ausstrahlen, das Rüstungsrennen jedoch, langfristig nicht stoppen. Deswegen überwiegt auch im Hinblick auf die amerikanisch-sowjetischen SALT-Vorschläge der Zweifel die Hoffnung.

Kein Zeichen erlaubt es vorerst, die Erwartung zu hegen, daß die Sowjetunion Lust verspüre, die faktische Anerkennung ihrer Herrschaft über Osteuropa, die sie politisch erreicht hat, mit einer Minderung ihrer militärischen Drohung gegen Westeuropa zu honorieren. Sie weckt im Gegenteil den Verdacht, daß sie die "Ära der Verhandlungen" mit den Vereinigten Staaten als Chance nutzt, den Lähmungszustand, der sich im Gleichgewicht des Schreckens ausdrückt, zum Vorteil des Ostens und zum Nachteil des Westens zu überwinden.