Von Martin Gregor-Dellin

Politisches und menschliches Fehlverhalten resultiert meist aus einer allmählichen Veränderung der Wirklichkeit, die im Bewußtsein nicht mitvollzogen wird. Die deutsche Teilung ist ein Musterbeispiel dafür. Politiker sprachen bis vor kurzem, und einige tun es noch heute, als befänden wir Deutschen uns in der Lage jener unglücklich getrennten Königskinder, die zueinander nicht kommen können, obwohl sie einander so liebhaben. Aber gilt noch das Verum, Bonum, Unum?

Die Wahrheit sieht anders aus. Schwache verwandtschaftliche Bindungen, Freundschaften, kulturelle und sportliche Kontakte vermögen sowenig wie gesamtdeutsche Phraseologie zusammenzuklammern, was sich entfernt und entfremdet mit der Unaufhaltsamkeit der Zeit. Jeder weiß Beispiele aufzuzählen: Mißverständnisse in Briefen, abbrechende Korrespondenz, Wiederbegegnungen voller Peinlichkeiten und Vorwürfe, die Verallgemeinerungen des "ihr" und "euch", eine gewisse Gereiztheit aber vor allem auf Seiten der DDR-Bürger, und das in steigendem Maße seit 1961, dem Bau der Mauer. Die Verhaltensforschung kennt Feindschaftsgefühle bei divergierender Entwicklung, und das hat mit Ideologien nicht einmal zu tun. Aber wir weigern uns, derlei zur Kenntnis zu nehmen, sehen unsere persönlichen Erfahrungen isoliert, und Untersuchungen lagen dazu bisher nicht vor. Die deutsche Teilung ist auch ein Musterfall für das Zustandekommen von Tabus.

Sie abzubauen, macht eine Sammlung von Privatbriefen den Anfang, die ich schon jetzt zu den unentbehrlichsten, bedeutungsvollsten Publikationen dieses Jahres zählen möchte –

"Briefe aus einem anderen Land – Briefe aus der DDR", herausgegeben von Hildegard Baumgart, Vorwort von Carola Stern; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 334 S., 18,– DM.

Hildegard Baumgart hat aus Tausenden von Briefen, aus allen Teilen der DDR, aus allen Schichten und Altersgruppen, eine Auswahl getroffen, wobei aus Sicherheitsgründen Orte und Namen verändert wurden, mehr nicht.

In einem betroffenen, unbefangenen Vorwort, das nicht alles ausformuliert, was in den Briefen offenliegt, registriert Carola Stern einige der Merkmale, die bei fast allen Schreibern wiederkehren: eine Ernsthaftigkeit zunächst, zu der das Leben im Guten wie im Bösen erzogen hat; Innerlichkeit auch bei der Jugend, mit einer Neigung zum Problematisieren; damit gekoppelt eine Leistungsethik (Leistung, wohlgemerkt, um ihrer selbst willen, als preußische Tugend, als Zug zu Strebsamkeit und Fortbildung). Ein ganzes Land voller Musterschüler. Diese Lernbegier sticht vom Westen wohltuend ab. Sie wird, wie ich meine, auch durch die Pseudowissenschaftlichkeit gefördert, mit der die Diamatschulung jedermann allwöchentlich auf die Bahn des "wissenschaftlichen Denkens" und der Vervollkommnung seines Weltbildes lenkt.