Garching

Es war einmal eine Gruppe von Wissenschaftlern, die lebte mit ihren Familien in einem 8000-Seelen-Dorf vor den Toren Münchens, in dem weder Einkaufszentrum noch Gymnasium, weder Kino noch irgend sonst, etwas Besonderes zu finden war. Die Wissenschaftler forschten, ihre Frauen beaufsichtigten die Nachkommenschaft, die älteren Kinder fuhren nach München in die Schule. Und da sie aus dem gesamten Bundesgebiet und aus dem Ausland nach Garching verschlagen waren, wußten sie alle, daß solche Lebensumstände nicht notwendig so sein müssen. Sie beschlossen daher, ein Gymnasium zu gründen. Aber dabei hatten sie nicht an den bösen Zauberer "KuMi" gedacht...

Im Märchentantenton möchte man von einem Projekt berichten, das schon gestorben scheint, ehe es richtig hat zu leben beginnen dürfen. Denn nur im Märchen ist wohl noch eine Lösung denkbar für eine weitgehend verfahrene und dabei ehemals so verheißungsvolle Konzeption. Nur im Märchen auch sind Gestalten denkbar, die ohne ersichtlichen Grund Ereignisse verhindern, die später dennoch – aber dann unter Schmerzen für die Opfer – eintreten müssen.

Seit dem Jahr 1969 nämlich bemühen sich Wissenschaftler aus dem Max-Plänck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München und dem nach dorthin verlagerten Physik-Departement der Technischen Hochschule München, in Garching ein naturwissenschaftliches Gymnasium mit neuartiger Unterrichtsform zu errichten.

Angesichts der starken Fluktuation unter den Wissenschaftlern und des großen Wachstums der Gemeide Garching (von derzeit rund 8000 auf 40 000 etwa 1980) sowie des erschreckenden Mangels an naturwissenschaftlichen Lehrkräften kamen sie zu dem Ergebnis, daß eine Ganztagsschule mit breitem Kursangebot und die Beteiligung der ansässigen Wissenschaftler an Unterrichtsplanung und -erteilung für das Forschungsdorf die beste Lösung sei. Außerdem sollten als Unterrichtsmaterial ausgediente Geräte der Institute bereitgestellt werden, und zur nachmittäglichen Anleitung der Schüler wollten einige Forschersgattinnen mit den einschlägigen Staatsexamina stundenweise zur Verfügung stehen. Das Kurssystem war im einzelnen noch nicht festgelegt, jedoch so konzipiert, daß weder Sprachenfolge noch erreichbarer Abschluß zwingend vorgeschrieben sein sollten, um den neu hinzukommenden Kindern aus anderen Bundesländern den Anschluß zu erleichtern.

Wegen der größeren Chancengleichheit und der vermehrten pädagogischen Möglichkeiten wurde die Ganztagsschule erstrebt, die als Verbandsschule nicht nur für Garching, sondern auch für die stark wachsenden Gemeinden Ober- und Unterschleißheim und Ismaning das nächste erreichbare Gymnasium gewesen wäre. Diese Gemeinden trauten den Plänen der Wissenschaftler und veranschlagten für das besonders gut durchdachte Gebäude rund vier Millionen Mark mehr Kosten als für eine Durchschnittsschule. Mitte Mai wurden rund 350 Schüler angemeldet. Mit sechs fünften und zwei sechsten Klassen sowie einer siebenten Klasse, die das Kultusministerium aber wohl nicht genehmigen wird, könnte im September der Unterricht beginnen. Sowohl der ganztägige Unterricht als auch das naturwissenschaftliche Programm der Schule finden, bei den Eltern ungeteilte Zustimmung.

Nicht so beim Kultusministerium. Zwar zeigte der frühere Kultusminister Huber großes Interesse; zwar sagte er dem Projekt 1969 – zur Wahlkampfzeit – jede denkbare finanzielle Unterstützung zu. Da er sie aber mit dem Finanzministerium nicht abgesprochen hatte, zog er seine feste Zusage alsbald zurück. Außer der Genehmigung zum Baubeginn geschah nichts mehr.