Der Zufall will es, daß die Stadt Bremen gerade mit einer Anzeige für sich Reklame macht, die unter der Überschrift "Bremer Stil" Kurt Hübners Theater für die Public Relations der Stadt in Anspruch nimmt. Im Text heißt es: "Bremen hat Deutschlands heißes Theater. Das ist nicht jedermanns Sache. Auch nicht eines jeden Bremer Bürgers, Sache. Aber eben dieser Bremer Bürger würde diese Bühne verteidigen, wollte jemand ihre Existenz in Frage stellen. Nicht weil er unbedingt weiß, daß diese Bühne seit Jahren internationalen Ruf für Bremen erwarb (und das Prädikat: Bremer Stil). Sondern weil es einfach bremisch ist, dem Experiment und der heilsamen Provokation eine Chance zu geben."

Dieser Text wirkt wie blanker Hohn, und der erste Bremer Bürger, der diese Bühne keineswegs verteidigte, sondern ihre Existenz in Frage stellt, ist der Bildungssenator Moritz Thape. In einem Brief an den Generalintendanten des Bremer Theaters, Kurt Hübner, hat er in dürren Worten mitgeteilt, daß die Freie Hansestadt nicht beabsichtige, Hübners Vertrag über die Spielzeit 1972/73 hinaus zu verlängern.

Das ist also der andere "Bremer Stil". Thape, dem Deutschlands "heißes Theater" schon lange ein Dorn im Auge ist, so sehr, daß er vor rund zweieinhalb Jahren schon einmal versuchte, Hübner zu schassen, hat diesmal, wie er sicher meint, einen formal-günstigen Zeitpunkt gewählt. Denn Hübners Vertrag läuft aus, und keine Stadt kann verpflichtet werden, einen solchen Vertrag zu verlängern, falls sie nicht will.

Sollte also Thapes Vorhaben gelingen (gegen das sich in Bremen FDP und CDU heftig wehren – so seltsam können manchmal die Fronten verlaufen), dann sollte man dem Amt für Öffentlichkeitsarbeit wenigstens einen neuen Werbestil für Bremen empfehlen dürfen: In dem müßte es heißen, daß es zwar "einfach bremisch ist, dem Experiment und der heilsamen Provokation eine Chance zu geben", aber mit Sicherheit sei es auch "thapisch, das Experiment und die heilsame Provokation nach Möglichkeit abzuwürgen".

Der Bremer Stil wird nicht so heiß gegessen, wie er kalt abserviert wird.

Hellmuth Karasek