Deutsche Industrie im Land der tausend Inseln zu passiv Von Wolfgang Hoffmann

Wer durch Ostasien reist, wird spätestens dann, wenn das Gespräch auf die Wirtschaftsbeziehungen zur Bundesrepublik kommt, an die Fabel vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel erinnert. Die deutsche Industrie tritt im Fernen Osten immer erst dann auf den Plan, wenn die anderen schon längst dort sind: die Japaner vor allem, die Amerikaner, neuerdings auch die Australier. Viele Länder des Fernen Ostens sind immer noch weiße Flecken auf den Landkarten deutscher Exporteure.

Dennoch (oder gerade deshalb) steht der Ruf der Bundesrepublik als Industrienation in Asiens Entwicklungsländern hoch im Kurs. Auf Schritt und Tritt wird der deutsche Gast immer wieder, mit der Frage konfrontiert: Wann kommen denn die Deutschen?

Fritz Berg, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), sinnierte, einmal, es wäre besser gewesen, Arbeitsplätze in die Dritte Welt zu exportieren als Arbeitskräfte nach Deutschland zu importieren. Die Wirklichkeit im Fernen Osten beweist aber, daß solche Berg-Predigten bei uns auf taube Ohren gestoßen sind. Wenn selbst jene Behörde, der von der Industrie oft genug ideologische Motivationen unterstellt werden, nämlich das Entwicklungsministerium, heute feststellt: "Wenn wir jetzt nicht zugreifen, ist es in zehn Jahren zu spät", dann liegt der Schluß ziemlich nahe, daß die deutsche Industrie noch im Tiefschlaf liegt, soweit es Asien betrifft.

Ein Land, das das deutsche Industriepotential besonders nötig braucht, ist Indonesien. Der erste Eindruck von diesem Inselstaat verführt zu der Ansicht, dies sei ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der zweite Eindruck stimmt allerdings schon skeptisch, und bei näherem Hinsehen zeigt sich: Nur unter bestimmten Voraussetzungen ist dies ein Land großer Möglichkeiten. Das Tausend-Insel-Reich mit einer Ausdehnung von London bis zum Ural hat eine Landfläche von 1,9 Millionen Quadratkilometern. 120 bis 130 Millionen Menschen leben dort. Der größte Teil der Bevölkerung – etwa 80 Prozent – lebt auf der Insel Java, rund 130 000 Quadratkilometer groß. Die jährliche Bevölkerungszuwachsrate ist ungewöhnlich hoch; sie beträgt rund 2,5 Prozent. Das heißt: In nur einer Generation wird sich die Bevölkerung Indonesiens verdoppelt haben. Allein auf Java würden dann – so sie könnten – etwa 200 Millionen Menschen leben. Die Insel ist bereits heute übervölkert. In der Metropole der Insel, Djakarta, zugleich Hauptstadt Indonesiens, leben 4,5 Millionen Einwohner. Die jährliche Zuwachsrate: rund 200 000 Menschen eine komplette Großstadt.

Indonesien wäre heute noch ein Paradies, würde es nicht am meisten produzieren, was es am wenigsten braucht: Menschen. Wer die Chancen des Landes nur an der Bevölkerungsexplosion mißt, könnte ebensogut sagen, dies ist ein Land ohne Hoffnung. Offiziell gibt es sieben Prozent Arbeitslose. Hinzu kommt aber ein Heer von Unterbeschäftigten.

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