Von Heinz Josef Herbort

Im Dom zu Münster großer Einzug des Bischofs mit Vortragekreuz und brennenden Kerzen, mit fünfundvierzig Seminaristen, mit Klerikern in Schwarz und Domherren in Violett. Man stehe hier, sagt der Dompfarrer als Hausherr zur Begrüßung, an "altehrwürdiger Stätte, an der bereits um die Wende des 8. Jahrhunderts Auseinandersetzungen stattgefunden haben zwischen den Götzenbildern und Götterbildern der Zeit und der Verehrung der Christusgestalt" (wie wohl?). "In diesem Zeichen" gelte es auch "heute abend die Aufführung zu sehen", und der Domherr hofft, daß sie "uns Geist und Herz erfüllt, damit der Pfingstgeist reich bei uns Einkehr halte mit seiner Pfingstkraft": Den Kirchenfunktionären geht es erschreckend leicht über die Lippen, wenn sie mit Leerformeln die Doktrinen aufwärmen und dabei dann mit forschen Klammern auch das noch einzuvernehmen versuchen, was in seiner Intention und den dahinter stehenden Ansichten konträr zu den ihren ist und was ihnen ansonsten, als reine Kunstäußerung, auch völlig gleichgültig wäre. Aber mit einer Penderecki-Uraufführung ist sich heute gut schmücken und leicht avantgardistisch geben, eine Menge Versäumnisse lassen sich damit flott überspielen.

"Utrenja – Grablegung und Auferstehung Christi" von dem polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki: Vor gut einem Jahr schon sollte das Stück uraufgeführt werden, damals hatte es noch den Titel "Russische Messe" haben sollen. Aber es kam nur der erste Teil zustande, im Altenberger Dom fand dessen Uraufführung statt. Der Komponist quartierte sich drauf in Bulgarien in einem Kloster ein und schrieb das Werk zu Ende – wiederum erst im letzten Moment war die Partitur fertig.

"Utrenja" – vom Text her ist es das Nacht- und Morgengebet der orthodoxen Ostkirche in der Erwartung der Auferstehungsliturgie: Hymnen und Psalmen, Troparien und Versikel, Jubel – rufe und Evangelienverse; hinzu kamen liturgiefremde Mysterientexte. Auch in die Musik sind de Charakteristika der byzantinisch-slawischen Crthodoxie eingeflossen: die Statik einzelner Gesänge, die sozusagen ohne Dauer sind, die unendlich scheinen; ihre Emotionsträchtigkeit, die Inbrunst, das Mystische, das Kontemplative; dann die Wiederholungsfreudigkeit, immer wieder ist der Satz "Christos woskresse – Christus ist auferstanden" eingeflochten; ein paar zwischen Folklore und Gregorianik sich bewegende melodische Formeln und harmonische Wendungen, in die die psalmodierende Deklamation gegossen ist; schließlich ein Klangbild aus der Ostliturgie, der Basso profondo und die Karfreitags-Rassel, Glockengeläut und Schlaghölzer, die melodiösen Soli in extremen Stimmlagen, die Antiphonie zweier einander gegenüberstehender Chöre und die Interjektionen einer Knabenschola.

Aber das alles hat mit liturgischer Musik, mit Karsamstag oder Ostersonnntag oder gar mit dem Pfingstgeist ebensowenig zu tun wie das "Deutsche Requiem" von Brahms mit der Totenliturgie. Da liegt ein Text vor, der zu einer Komposition von ganz spezifischer klanglicher Gestik das Gerüst abgibt. Die Komposition mag man in einem Dom aufführen – der Dom wird immer nur die psychische Präparation besorgen, die Einfühlung erleichtern, das Misterioso bieten, das sakrale Environment.

Denn "Utrenja" ist ein Stück autonomer Musik, mehr statisch-kontemplativ im ersten Teil, mehr dynamisch-eruptiv im zweiten. Die Grundkonzeption ist die Konfrontation von Klangblöcken, virtuos erfundenen, außerordentlich vielgestaltigen und vielfarbigen Blöcken, die nach einem Dramaturgieplan, als graphische Skizze vorher entworfen, entwickelt und einander gegenübergestellt sind.

Und der neue Teil, die "Auferstehung", bringt wieder eine beklemmende Fülle von neuen Ton-Geräusch-Kombinationen. Penderecki hat offenbar kaum Mühe, solche neuen Klangfelder zu erfinden, Felder, die im Pianissimo ein hohes Maß an Ruhe, an Beschaulichkeit vermitteln, meditative Klangbilder, andere, die, als Halbtonschichtungen im Fortissimo, eine beinahe orgiastische Mischung von Schmerz und Lust darstellen, die weh tun. und zugleich schön sind, die nicht aufhören und auch nicht aufhören sollten.