"Lessing im Gespräch – Berichte und Urteile von Freunden und Zeitgenossen", herausgegeben von Richard Daunicht. Der Titel dieser Dokumentation, die in der Materialfassung bisherige Sammlungen von zeitgenössischen Zeugnissen über Lessing weit übersteigt, hat eine doppelte Bedeutung: Lessing als Gesprächspartner und als Gesprächsgegenstand ist gemeint, wobei der zweite Aspekt (Lessing im Gespräch seiner Zeitgenossen) bei weitem überwiegt. Lediglich ein einziges ausführliches Beispiel präsentiert einen Dialog im Zusammenhang: Jacobis Gespräche mit Lessing, die die Diskussion über den Spinozismus Lessings in Gang setzen. Daunicht hat die Texte nach den zeitlichen Stationen von Lessings Leben angeordnet und so indirekt eine Biographie Lessings montiert, die sich durch Detailfülle und Anschaulichkeit auszeichnet. Von den literarischen Anfängen Lessings her, als man ihn gelegentlich als "Vielschreiber" (Uz) und "Mischmasch von Gutem und Schlechtem" (Sulzer) abqualifizierte, ergibt sich schon bald das Bild eines wohl beispiellosen literarischen Ruhms. Lessing galt bereits seiner Zeit als "der größte dramatische Dichter und Kunstrichter" (Wiener Real-Zeitung) der Epoche. Daunicht hat nicht nur die Wirkungsgeschichte und Persönlichkeit Lessings durch eine Reihe von bisher wenig beachteten Texten neu profiliert, er beleuchtet auch einige bisher kaum bekannte Aktivitäten Lessings: seine Tätigkeit als Schauspiellehrer, als Regisseur; seinen Plan, eine Schauspielgruppe zu übernehmen; seine Gründung eines Verlags der Autoren in Hamburg, damit die Autoren "nicht mehr mit den Brosamen vorliebnehmen dürften, die ihnen der vom Autorhirn gemästete Buchhändler (Verleger) von seiner reichbesetzten Tafel zuwürfe..." (Böttiger); die politische Überzeugung des alten Lessing, "die bürgerliche Gesellschaft müsse noch ganz aufgehoben werden ... Die Menschen werden erst dann gut regiert, wenn sie keiner Regierung mehr bedürfen." Das statuarische Bild des Dichter-Weisen der Aufklärung wird in erstaunlichem Maße verlebendigt. (Wilhelm Fink Verlag, München; 701 S., 58,– DM) Manfred Durzak