Weilheim

Das Kultusministerium fördert fortschrittliche Pädagogen und Lehrmethoden und ist für Experimente aufgeschlossen, wenn der Unterrichtserfolg im Interesse der Schüler gesichert und die verfassungsmäßige Aufgabe der Schule berücksichtigt wird." Dies teilte – so positiv wie unverbindlich – das Bayerische Kultusministerium in einer Stellungnahme dem 31jährigen Studienrat auf Zeit, Joachim Vieregge mit, dessen "Geschichte" im September 1969 begann.

Damals trat Vieregge als Beamter auf Widerruf seinen Dienst im oberbayerischen Weilheim als Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch, Erdkunde und Sozialkunde an. Vieregges Unterrichtsmethoden ließen jedoch konservative Kollegen und Eltern bald Unrat oder gar Umsturz des Althergebrachten wittern: Sein Sozialkundeunterricht ist so kritisch wie sein Erdkundeunterricht; in der Deutschstunde liest er mit einer Klasse einen Fortsetzungsroman in der Zeitschrift BRAVO, um Formen literarischen Kitsches darzulegen; es gibt kein Oben-Lehrer-unten-Schüler-Verhältnis bei ihm, sondern Gruppenunterricht und Diskussionen.

Bei den Schülern ist er beliebt: Sie wählten ihn zum Vertrauenslehrer und zum beratenden Lehrer ihrer Schülerzeitung. Das Lehrerkollegium ist geteilter Meinung. Sein Vorgesetzter, Oberstudiendirektor Alfred Loos, besuchte sieben seiner Unterrichtsstunden und schickte am 28. November 1970 eine dienstliche Beurteilung mit der Gesamtnote "ausreichend" an das Kultusministerium. Loos kam zu dem Schluß, Vieregge sei für eine Beförderung zum Beamten auf Lebenszeit nicht geeignet.

Nachdem er Vieregge Anfang Dezember die Beurteilung übergeben hat, meint Loos, es wäre ihm lieb, wenn Vieregge zum 1. Februar ginge. Vieregge aber bleibt, und da er die Note "ausreichend" als ungerechtfertigt empfindet, legt er Einspruch dagegen ein. Schulleiter und Kultusministerium korrespondieren. Der Briefwechsel endet schließlich am 22. März dieses Jahres mit der schriftlichen Aufforderung des Ministeriums an den Direktor, "eine neue dienstliche Beurteilung für die Lehrkraft zu erstellen, die das Gesamturteil ‚mangelhaft‘ enthält".

Der Direktor steht zu Diensten, revidiert flugs sein eigenes Urteil, und "erstellt" am 20. April die gewünschte, schlechtere Beurteilung. In beiden Beurteilungen hatte sich Loos in der Sparte Berufskenntnisse nicht zu mehr als einem "befriedigend" aufschwingen können, obwohl vier fachdidaktische Publikationen von Vieregge in angesehenen Fachzeitschriften vorliegen. Sein "Diensteifer" wurde zunächst mit "ausreichend" bewertet, keine fünf Monate später jedoch mit "mangelhaft". Die "Unterrichtsgestaltung" ließ der Direktor ebenfalls von "ausreichend" auf "mangelhaft" abrutschen, desgleichen die "erzieherische Wirksamkeit". Die "Erfüllung sonstiger dienstlicher Aufgaben" wurde dann ohne jede Begründung von einem "Befriedigend" zu einem "Mangelhaft" umgebogen.

Wenn nun alles seinen ungestörten Gang gegangen wäre und niemand Sand ins glatte kultusministerielle Getriebe gestreut hätte, dann bliebe Vieregge nichts anderes übrig, als eine Stellung an einer städtischen oder auch an einer Privatschule zu suchen.