Von Peter W. Jansen

Man hat seine Vorlieben und Abneigungen, und wenn man sie nicht hätte, schrecklich genug, dann würde man sie entwickeln: unter dem Druck eines Angebots, das nur die Wahl läßt zwischen Verzicht und physischer Erschöpfung. Vier von fünf Filmen in Cannes kann man selbst bei bester Koordination, Gesundheit und Selbstverstümmelung unmöglich sehen, eine Unzahl von Parallelveranstaltungen sorgt dafür. Daß man ungerecht wird gegen einzelne Filme, läßt sich kaum vermeiden, doch ebensowenig, daß man die Welle spürt, von der man getragen wird, die neue Strömung im Westen.

Diese Tendenz heißt Flucht aus der Politik, aus der unmittelbaren politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit, Flucht in Vergangenes, in die gute alte Zeit, in das Drama von Liebe und Freundschaft, in eine Welt der ebenso edlen wie schmerzlichen Gefühle. Es ist ein Kino des Heimwehs und der Tränen, ein Kino der Ästhetik, und es ist, wenn es hoch kommt, ein Kino der überfeinerten Kultur, ein Kino der Dekadenz.

Man wird sich von den Ausnahmen nicht verwirren lassen, von dezidiert politischen und politisch unbequemen Filmen. Das ist der "Stafettenlauf" von Andras Kovacs bestimmt, die Unterdrückung eines kritischen wissenschaftlichen Berichts und die Verweigerung der Anpassung an eine Gesellschaft, die als verbürgerlicht demaskiert wird. Das ist auch "Vote plus Fusil" des Chilenen Helvio Soto, der in einem komplizierten Arrangement von Dokumentarfilm und Spielfilmhandlung sowie von drei verschiedenen Zeitebenen die Geschichte der sozialistischen Bewegung in Chile bis zur Wahl von Allende nachzuzeichnen versucht.

Unbequem ist schließlich, zumal für Amerikaner und ihre Parteigänger, "Sacco und Vanzetti" von Giuliano Montaldo (Italien); der Bostoner Justizskandal der zwanziger Jahre, die Verfolgung der vorwiegend aus Italien stammenden Anarchisten, rassistische Implikationen: die Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu übersehen, das alles deutet auf die Black Panthers, auf den weiß-schwarzen Klassenkampf.

Doch man kann sich nicht täuschen: Filme dieser Art, selbst wenn die hölzerne Thesenhaftigkeit mit handwerklichem Raffinement zurechtgeschnitzt ist, liegen nicht in der Entwicklung, sie liegen zur Strömung quer. Deutlicher konnte das in Cannes kaum werden als mit dem Parallelfilm gleichsam zu "Sacco und Vanzetti". Auch der Schwede Bo Widerberg hat ein amerikanisches Thema gegriffen, die Geschichte des Joel Hillström, eines aus Schweden eingewanderten Arbeiterführers aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, der Streiks und Demonstrationen organisierte, Kampflieder schrieb, den Autoritäten ein Ärgernis war und schließlich wegen eines Mordes, den er nicht begangen hatte, hingerichtet wurde.