Von Theo Sommer

Schlimmes ist geschehen. Da hat der Nato-Rat vor drei Jahren, bei seiner Frühjahrstagung in Reykjavik, dem Ostblock vorgeschlagen, über einen beidenseitigen Truppenabbau in Europa zu verhandeln – ein Vorschlag, der seitdem Jahr um Jahr mit Nachdruck bekräftigt worden ist. Was aber tun die Sowjets? Stellen sie unerfüllbare Bedingungen? Weigern sie sich einfach, das Thema überhaupt zu erörtern? Gipfel der In-Thema Sie lassen sich auf die Nato-Initiative ein. Was Wunder, wenn der Westen, unversehens beim Wort genommen, in Verdrückung gerät...

Die Sache wäre zum Lachen, wenn sie nicht bewiese, daß die Nato drei Jahre lang geschlafen hat. Anders wäre weder die Verwirrung der letzten Tage zu erklären noch die hektische Betriebsamkeit, mit der sich der Ministerrat des Bündnisses diese Woche in Lissabon darangemacht hat, eine gemeinsame Antwort auf Breschnjews "Signal von Tiflis" zu verfassen – jenes Signal, das doch nur eine späte sowjetische Reaktion auf alte Vorschläge der Allianz war.

In Tiflis hatte Breschnjew dem Westen bedeutet, er solle doch den Geschmack des Weines nicht nach dessen Aussehen beurteilen, ohne auch nur daran genippt zu haben, sondern lieber davon kosten – "was, in die Sprache der Diplomatie übersetzt, die Aufnahme von Verhandlungen bedeutet". Seitdem ist sich die Nato uneins. Sie geht nur mit langen Zähnen an die Sache heran.

Die Amerikaner, jahrelang an dem Thema beiderseitiger Truppenabbau (MBFR) interessiert, möchten sich am liebsten in ein Gelage stürzen, wenn nötig allein mit Russen. Die Westdeutschen, seit Reykjavik ein Vorkämpfer des MBFR-Gedankens, zögern plötzlich, den Kelch an die Lippen zu setzen, weil sie befürchten, andere Kreszenzen – sprich: Berlin – könnten darüber zu kurz kommen. Die Franzosen, die sonst jeden Tropfen gutheißen, der die Entspannung verheißt, aber alles verabscheuen, was die Blöcke zementiert, machen ein saures Gesicht, da ihnen ein Gewächs aufgetischt wird, dessen Wirkung sowohl entspannungsfördernd als auch blockfestigend zu sein verspricht. Die Briten schließlich fürchten, daß jederlei Umtrunk bloß zu einem Gleichgewichtsverlust führen könne.

Bei alledem spielt der Streit um das Berlin-Junktim, werde es nun formaljuristisch oder nur sachlogisch postuliert, eine untergeordnete Rolle.

Als eigentliches Thema von Lissabon zeichnete sich etwas ganz anderes ab – die amerikanische Haltung gegenüber der Nato und gegenüber dem Osten. Die Frage ist: Läßt sich Washington an die Kette der Allianz-Solidarität legen oder bricht es aus der Front der Verbündeten aus?