/ Von Hans Schueler

Die Engländer schreiben "Rally", ohne "e".Das liest sich, als seien nur Kleinautos zugelassen. Aber nach Jersey kann man mit dem Auto gar nicht fahren. Denn zwischen der Normandieküste und dem wunderschönen Eiland im englischen Kanal liegen gute zwanzig nautische Meilen Wasser. Und wir wollen uns auch keineswegs als Kleinwagenfahrer der Luft abqualifizieren lassen. Die großen Flugzeuge der Linien- und Chartergesellschaften sind, wenn man schon Vergleiche zieht, bestenfalls der Kategorie Omnibus und Lkw zuzurechnen und scheiden damit ohnehin bei der Konkurrenz der Individualisten aus. Unsere Beechcrafts hingegen lassen sich mit den Mercedes und die Cessnas mit den BMWs durchaus in eine Reihe stellen, was Eleganz und Ausstattung angeht. Schneller sind sie auf jeden Fall. Kein Neid! Unsere "Reims Rockett" mit dem Rufzeichen Delta Echo Bravo Tango Papa und ihren 210 Pferdestärken konnte sich nicht nur auf Jersey, sie hätte sich auch in Monte Carlo sehen lassen können.

Aber man kommt leichter mit dem Auto nach Monte Carlo als mit dem Flugzeug nach Jersey. Aus verschiedenen Gründen. Zunächst: Im April schrieb uns Mr. Spears, der Rally-Manager – hauptberuflich beherrscht er das Parfümgeschäft der Insel – einen Brief: Er bedaure sehr, aber wir könnten für dieses Jahr nicht mehr als Wettbewerber angenommen werden, weil wir uns später als die hundertvierzig anderen gemeldet hätten. Und hundertvierzig Maschinen an einem Tag im Anflug auf Jersey-Airport seien neben dem commercial traffic ohnehin schon viel zuviel. Wie sollten wir Mr. Spears, dem Parfümgrossisten, klarmachen, was es bedeutet und wieviel Zeit es kostet, eine crew aus zwei Journalisten, einem Lehrer und einem Pressephotographen für ein Flugzeug zusammenzubekommen, das keinem der vier gehört, weil es 150 000 Mark teuer ist, für welchen Kaufpreis leider alle vier den falschen Beruf haben. Ein solches Schiff kann man nur von einem wohlwollenden Geschäftsmann zum Freundschaftspreis mieten, und den muß man auch noch umlegen. Wie gesagt, wir kamen für die competition zu spät. Es half auch nichts, daß wir Mr. Spears an allerlei publizistische Möglichkeiten erinnerten, zum Beispiel: unseren Lesern Lust am Fliegen und Lust an Jersey zu vermitteln. Der Channel Islands Aero Club hat, siebzehn Jahre nach seiner ersten Rally, keine Publizität mehr nötig.

Dennoch gelang es, einen Kompromiß auszuhandeln. Mr. Spears würde uns als non-competiters zulassen, wenn wir einen Tag vor den anderen kämen und von der Mole St. Catherine’s Breakwater aus zusähen, wie die anderen ihren Zeitüberflug absolvieren. So wurden die Journalisten samt ihrem Photographen zu dem, was sie sein sollen: Beobachter am Rande des Geschehens. Zu Neutralen wurden sie freilich nicht.

Man muß wissen, daß die Jersey-Rally wie auch mancher andere Motorflugwettbewerb nur mit einiger Mühe den Anspruch erhebt, eine sportliche Konkurrenz zu sein. Es gibt da einen Preis für das bestgeputzte Flugzeug und einen für das schönste (letztes Jahr bekam ihn der reichste Teilnehmer, weil er erstmals einen Drei-Millionen-Mark-Jet auf das Vorfeld des Aero Club gerollt hatte). Es gibt allerdings auch einen Preis für die sorgfältigste navigatorische Flugvorbereitung und für den genauesten Zeitanflug der Insel von der französischen Küste aus. Zu diesem Zweck muß der Pilot zunächst ein Zielband auf dem französischen Küstenflugplatz Lessay überfliegen, wobei die Überflugzeit gestoppt wird, und dann in der von ihm selbst vorher errechneten Zeit die Mole von St. Catherine’s Breakwater auf Jersey erreichen. Schafft er es innerhalb einer Spanne von plus oder minus zehn Sekunden der vorausberechneten Zeit, so ist er Anwärter auf den Präzisionspreis.

Nun, darauf konnten. wir verzichten. Die eigentliche Schwierigkeit der Jersey-Rally liegt in den Wetterproblemen, die es während eines längeren Anfluges zu bewältigen gilt. Die Insulaner haben den Wettbewerb nicht von ungefähr in den Wonnemonat Mai gelegt. Da ist es auf Jersey wärmer als irgendwo sonst in der Nordsee oder im Atlantik um diese Jahreszeit. Der Besucher fühlt sich beinahe in die Subtropen versetzt angesichts der üppigen Vegetation. Das kommt, weil der Golfstrom südlich Cherbourg auf die französische Halbinsel Cotentin trifft und sich dort bricht. Während er den Ausweg nach Norden und weiter nach Osten sucht, gibt er einen guten Teil seinerWärme der Küste und den Channel Islands – dazu gehören noch Guernsey, Sark und Alderney – ab.