ZDF, Donnerstag, 27. Mai: "Journalisten fragen – Politiker antworten"

Es ging auf Mitternacht zu, die vier Parteivorsitzenden hatten lange statements artikuliert, von Diskussion war keine Rede, jeder sprach zwei Monologe, die anderen hörten derweilen zu, kramten in ihren Papieren und machten Notizen; dazwischen, das war noch das Interessanteste, gab’s einen kurzen Schlagabtausch (über die Aufwertung, worüber auch sonst, und über vergleichbare Preissteigerungsraten); die Journalisten, alle drei höflich, kenntnisreich und sachlich argumentierend, stellten Fragen, die auf Widersprüche verwiesen (die Opposition sagt, die Regierung vernachlässige die West-Integration zugunsten der Versöhnung im Osten, aber ist nicht gerade die Europapolitik besonders erfolgreich?), doch die Politiker deckten diese Fragen entweder durch weitschweifige Erklärungen zu, sprachen sich aus, wo pointierte Erklärungen am Platz gewesen wären, beschworen, so Strauß und Kiesinger, drohende Zukunftsaspekte (Motto: Ihr werdet schon sehen, der Iwan läßt nicht mit sich spaßen), statt ihren Sinn auf Realitäten zu richten, hielten der Regierung, so der Kanzler von gestern, utopische Entwürfe vor (als realistisch und solide bezeichnete Dr. Kiesinger demgegenüber einen CDU-Plan, der auf Beseitigung des numerus clausus und Behebung des Lehrermangels abziele: Dem Betrachter am Bildschirm verschlug es den Atem ... was, wenn nicht das, ist eine milliardenschwere Utopie?); zahlenspielend wich man den konkreten Fragen aus: Strauß allen voran, der, von Armin Grünewald und Ulrich Frank-Planitz höflich zur Rede gestellt, zum hundertsten Mal den ewig Mißverstandenen spielte, um am Ende doch nur zu sagen: Ich hab’ nichts zu sagen, soll’n doch die Regierenden sehen, wie sie die Misere beenden.

Es ging auf Mitternacht zu, der Leitende Appel wurde nervös, Brandt und Scheel, in der Argumentation (zumal, was die Europa-Frage betraf) ihren Kontrahenten weit überlegen, hielten sich ans Gegebene, während ihre Partner die apokalyptischen Reiter beschworen, Kreuz, Tod und Gruft hieß die Devise, sobald man auf den bösen Feind im Osten kam: Da fragte der Journalist Dr. Zundel den Politiker Dr. Strauß, ob nicht auch er, Strauß, mit der Sowjetunion verhandeln wolle, und das war eine berechtigte Frage, denn es stellte sich sogleich heraus, daß der Oppositionelle unter "Verhandlungen" nur die Festsetzung von Selbstverständlichkeiten (Gewaltverzicht) oder Randproblemen (Kulturaustausch) verstand.

Und nun: welche Empörung auf der Seite Strauß’ und Kiesingers, welche Süffisance und Verachtung! Dieses Mienenspiel! Diese Gestik: Herablassung andeutend, die Frage als Zumutung akzentuierend, auf Beleidigung, Etikettenverstoß, plumpste Niveau-Unterschreitung verweisend! Als habe eine Straßendirne der regierenden Majestät einen unsittlichen Antrag gemacht: So taten die Herren und verzogen ihre Gesichter. Ich muß auf Ihre Frage antworten, so primitiv sie ist, sagte Strauß, und Kiesinger, entsetzt über den Formverstoß (konnte sich schier nicht beruhigen – ein Furz am Kaiserhof: dies ausgerechnet ihm!), Kiesinger akkompagnierte: Das ist doch primitiv!

Und an dieser Stelle, denke ich, hätte Reinhard Appel, in dessen Richtung der Altkanzler seine Indignation signalisierte, denn doch wohl ein Wörtchen sagen müssen zu der Abkanzelung seines Kollegen, dessen Frage für die Befragten offenbar nicht couleurfähig war. Denn, wohlgemerkt, es geht hier nicht um Dr. Zundel von der ZEIT, um Herrn Frank-Planitz von der Deutschen Zeitung oder Herrn Grünewald von der Stuttgarter Zeitung,, es geht nicht um die Doktoren Kiesinger und Strauß von der Opposition. Es geht darum, daß man Demokratie praktiziert und die Politiker und deren Partner mit dem gleichen Maßstab bemißt.

Wenn also Zensuren erteilt werden, dann, bitte schön, auf beiden Seiten der Runde; dann, und dies wäre innig zu wünschen, auch plein pouvoir für die Journalisten, sich das redselige Ausweichen und phrasenhafte Um-den-Brei-Herumreden, die Exkurse, die zu Kursen ausarten, und das unpräzise Beantworten präziser Fragen energisch zu verbitten. Dann auch das Recht, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, den Kiesinger -Satz "Ich entscheide mich zu dem Augenblick, an dem eine Entscheidung notwendig ist" mit der gleichen Belustigung und dem gleichen Achselzucken zu qualifizieren, die Strauß und Kiesinger an den Tag legten; an diesem Abend, als es auf Mitternacht zuging.

Momos