Idylle des Schrebergartens oder fairer Wettbewerb? Die Mittelstandspolitiker können nur eines von beidem fordern

Hätte Karl Marx recht behalten, so gäbe es heute keinen Mittelstand mehr. Er wäre längst zwischen Großkapital und Proletariat zerrieben worden. Doch auch ohne Marx und in einer Marktwirtschaft, die gerade auch von den Vertretern der mittelständischen Wirtschaft gewünscht worden war, schließen jährlich Tausende von Kaufleuten und Handwerkern ihre Ladenlokale und Betriebe.

Der Mittelstand, dessen Verbandsvertreter seit Jahr und Tag die Krise ihres Standes beschworen haben, verbreitet wieder einmal Untergangsstimmung.

So trifft es sich gut, daß in Bonn eine von Sozialdemokraten geführte Bundesregierung amtiert. Die Schuldigen, die die mittelständische Wirtschaft zu ruinieren trachten, lassen sich mithin mühelos ausmachen. Dies um so mehr, als sich die Sprecher der Mittelständler beizeiten um die Unionsparteien geschart haben und ihnen auch heute noch, da CDU und CSU auf den Oppositionsbänken sitzen, die Treue halten.

Dem Deutschen Bundestag steht jetzt eine große Debatte über die Mittelstandspolitik bevor, in der die Opposition ihre von eifrigen Mittelständlern genährten Zweifel bestätigt sehen will, ob der Beitrag kleiner und mittlerer Unternehmen zum Wachstum unserer Wirtschaft "noch die richtige Anerkennung und Würdigung bei der Bundesregierung findet".

Welche Groteske! Für den eigentlich selbstverständlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung, den die meisten in diesem Lande leisten und den sie bislang nur mit Mark und Pfennigen, honoriert zu sehen hofften, wird nun weitere Anerkennung gefordert: die "Würdigung" seitens der Regierung. Als ob in dieser Wirtschaftsordnung Verdienstmedaillen für den Tüchtigen vorgesehen seien.

Gewiß, Betriebsschließungen treffen den Einzelnen hart. Im allgemeinen aber sind sie der nun einmal unumgängliche Tribut an den technischen Fortschritt, an den Trend zu größeren Betriebseinheiten, an immer teurere Kapital ausstattung und an die wählerischer werdenden Verbraucher. Wer damit nicht einverstanden ist hätte sich für eine andere Wirtschaftsordnung entscheiden müssen. Die Idylle zu konservieren oder sich dem Wettbewerb zu stellen – das eine schließt das andere aus.